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Full text of "Die ersten hundert jahre russisch-chinesischer politik"

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H^arbarl] STolUge i,tlirara 

BOUOKT FROM THK BKIUnsT tT 

CHARLES SUMNER. LL.D., 
OF BOSTON. 



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Die ersten hundert Jahre 
russisch-cMnesischer Politik 



Dr. Bogdan Krieger 

KSaltlicher HwublUiotkaksr 



BERLIN 

Carl Heymanns Verlag 
1904 



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1905 


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-^AAJ^YV^\C^\^ .k^A.\x.d. 



Gedrackt bei Julias Sittenfeld ia Berlin W. 



Verlags-Archiv 3703 



Inhaltsiibersicht. 



Selte 

Einleitung '. i 

Sendung Baikows nach Peking 1654 4 

Kimpfe im Amurgebiet unter Chabarow, Stepanow, 

Paschkow, Tolbusin und Beuthen (1650 — 1687) . . 6 

Gesandtschaftsreise Golowins 1686 und Friede von 

Nertschinsk 1689 13 

Reise des Isbrand Ides nach Peking 1692 — 1695 .... 21 

Erste Reise Langes nach Peking 17 15 29 

Gesandtschaftsreise Ismailows und Langes 17 19 . . . . 37 

Lange als Resident in Peking 1721 — 1722 46 

AbschluO des Vertrages von Kiachta 1727 64 

Dritte Reise Langes nach Peking 1727 66 

Firsof in Peking 1736 72 

Schlufi 72 



nllle seu Parthos Latio imminentes 
Egerit iusto domitoe trittmpho 
Sive subiectos Orientis orae 
Seras et Indos.** 

In diesen Worten der den Augustus feiernden zwolften 
Horazischen Ode des ersten Buches haben wir eines der ersten 
Zeugnisse aus dem klassischen Altertum, das auf friihe Be- 
ziehungen der westlichen Kulturlander zu den Seidenleuten des 
fernen Orients hinweist. Dreizehn Jahrhunderte aber hat es ee- t/3^^"""^ 
dauert, ehe uns durch Marco Polo genauere Kenntnis von dem 
chinesischen Reiche wurde. Und erst nach der Entdeckung des 
Seeweges nach Ostindien beginnen die seefahrenden Nationen 
des Westens, die Portugiesen, Hollander und Englander nach 
einander ihre Versuche, in Handelsverbindung zu den Chinesen 
zu treten und sich im fernen Osten niederaulgssen. Nicht viel ^\ ^tn^'^ 
spater, um die Mitte des 17. Jahrhunderts, kommen die Russen 
bei dem Bestreben, ihre sibirische Herrschaft auf das Amur- jLKiU-*'^^ 
gebiet auszudehnen, von der Landseite her mit ihnen in Be- (^/vcTt^Jt ^ 
riihrung. Dadurch, dafi es ihnen gelang, sich zu Grenznachbarn 
des grofien chinesischen Reiches zu machen, also die unmittel- 
bare Annaherung an dieses zu finden, legten sie vor 250 Jahren 
schon den Grand zu den Erfolgen, die sie heute keineswegs ^^hj^^^ ^ 
nur durch die geschickten Operationen ihrer Diplomatie, sondern 
in erster Linie dadurch erreicht haben, dafi die anderen euro- ju 

paischen Staaten von der Landseite her der Erweiterang ihrer ^^ '**" 
Machtsphare kaum ernstliche Konkurrenz zu machen imstande 
sind. Wenn in Peking die Machte auf einander schlagen, ruhig 
und ohne Nervositat kann Rufiland zuschauen. Das dankt es, 
wie so vieles, dem weitschauenden Blick Peters des Grofien, 
der es verstand, nach der Unterwerfung der Eingeborenen und 
Sicherung des asiatischen Besitzes von Sibirien aus den Handels- 
und diplomatischen Verkehr mit China anzubahnen. Die Ver- 
suche dazu reichen allerdings einige Jahrzehnte zuruck. Diese 

Krieger, Riusitch-Chmesische Folitik. l 



2 



ersten Beziehungen zwischen Rufiland und China auf Grund der 
' vorhandenen gleichzeitig^n Berichte zu verfolgen, sei im Folgen 
den iinsere Aufgabe. 

Die Anregimg dazu bot ein im Berliner Geheimen Staats- 
archiv vorhandenes Manuskript: „Lorentz Langens Reise nach 
China und Beschreibung desselben Reichs". Es ist der von 
Lange selbst verfafite Bericht fiber die erste seiner vier im Auf- 
trage des Kaisers von RuBland gemachten Gesandtschaftreisen 
an den Pekinger Hof (17 15/16). Wahrend die anderen drei Be- 
richte, teils von ihm selbst, teils von seinen Begleitern verfafit, 
in extenso veroflfentlicht sind, ist dieser erste nur in einem Aus- 
zuge in Webers Verandertem Rufiland I. Teil (Frankfurt-Leipzig 
1744), S. 73 — 116 publiziert. Eine franzosische, nur wenig ver- 
anderte Uebersetzung davon findet sich am Schlusse des funften 
Bandes der Recueil de voyages au Nord. Amsterdam 1734. Die 
Darstellung der Reise von Petersburg nach Peking ist darin be- 
deutend verkfirzt, der zweite Teil dagegen, der den Aufenthalt 
in Peking selbst schildert, fast ganz wiedergegeben. 

Aufier diesem Tagebuche liegen den nachstehenden Aus- 
fuhrungen folgende Quellen zu Grunde: 

I. Mullers Sammlung russlscher Geschichte. Band II S. 393 — 448: Ge- 
schichte der Gegenden an dem Plusse Amur von der Zeit, da selbige 
unter russlscher Oberhoheit gestanden. Band IV S. 473 — 534; Von 
den ersten Reisen, die von den Russen nach China geschehen sind. 
Band VIII S. 504 — 520: Nachrichten der russischen Handlung in China. 

a. Voyage d*Everard Isbrand Ides, Ambassadeur de Russe a la Chine 
en 1693. Traduit de HoUandals in der nHistolre g^n^ale des voyages** 
VII . . . la Haye 1749; 

und dazu die Darstellung derselben Reise in Adam Brands ^Neu- 
vermehrte Beschreibung seiner grolSen chinesischen Reise, welche er 
anno 1692 von Moscau aus ... in Chinam und von da wieder zurUck 
nach Moscau voUbracht hat Lfibeck 1734. 

3. Unverzagt, G. J. Die Gesandschafil Ihrer Kayserl. Majest&t von Grofi- 
Rufiland an den Sinesischen Kayser, Anno 1719. Liibeck 1737. 

4. Journal de la residence du Sieur Lange ... ^ la Cour de la China 
dans les annees 1721 et 1722. Lezde 1726. 

5. Tagebuch zwoer Reisen, welche in den Jahren 1727, r728 und 1736 
von Kjachta und Zuruchaitu durch die Mongoley nach Peking gethan 
worden von Lorenz Lange. Aus ungedruckten Quellen mitgeteilt 
von Herrn Professor Pallas. Leipzig 1781. 

Die Veranlassung zu den Gesandtschaftsreisen aus RuBland und 
Sibirien nach China war eine dreifache: Einmal die Beilegung 



der Greozstreitigkeitea, dano die Anknupfung von Handels- 
beziehungen und drittens die Absicht, Land und Leute kennen 
zu lemen. In verbaltnismafiig sehr kurzer Zeit war es den 
Russen gelungen, Sibirien zu erobern. Nur 75 Jahre liegen 
zwischen dem ersten Vorstofi des kuhnen Kosakenfuhrers Jermak 
iiber den Ural gegen Osten bis zur Erreichung des Quellgebietes 
des Amur (1579 — 1654). Gewifi war es auch bei der Unter- 
werfung der Ostjaken und Kalmuken in Westsibirien, der Kir- 
gisen am Irtysch und der Burjaten am Baikalsee zu Kampfen 
gekommen, aber ein wirkliches Halt im weiteren Vordringen 
geboten den Russen nicht die in der Kultur tief unter ihnen 
stehenden einheimischen Volksstamme, sondern die ihnen mit 
einem geschlossenen Staatswesen entgegentretenden Mandschuren 
und Chinesen. Hier mufit^ der Diplomat die kosakischen Con- 
quistadores ablosen, um dem Promyschlennik, dem Handelsmann, 
die Wege zu ebnen. 

Wie die Kosaken die eigentlichen Eroberer des asiatischen 
Rufilands waren, so wurden sie auch die ersten Trager der 
diplomatischen Missionen in die Grenzlander. Im Jahre 1608 
wurden unter Fuhr ung von zwei kirgisischen Fursten drei Ko- 8olP^*^^-<^^ 
saken von Tomsk aus nach China abgeordnet. Sie batten gleich- 
zeitig Auftrage an den Mongolen-Chan Altin. Da sie aber bei 
den Kirgisen erfuhren, dafi dieser von den Kalmuken aus seinem 
Lande vertrieben sei, kehrten sie, ohne etwas ausgerichtet zu 
haben, nach Tomsk zunick. Acht Jahre spater wurde eine neue 
Gesandtschaft an Altin-Chan abgefertigt, die an seinem Hofe 
mit Vertretem verschiedener Volksstamme zusammentraf und 
auch einige Nachrichten uber China erhielt. Das gab die An- 
regung zur Ausrustung einer zweiten Mission nach China im 
Jahre 16 19, die aber von ebenso zweifelhaftem Erfolge begleitet 
war wie die erste. Wenigstens gibt ein von Miiller* im Stadt- 
archiv von Tomsk daruber aufgefundener Bericht keine weitere 
Auskunft, als daB auch diese Gesandtschaft wiederum nur bis 
an den Hof des Mongolen-Chans gekommen sei, Gleiches Dunkel 
schwebt uber einer im Jahre darauf geplanten Reise, die eben- 
falls in einer Archivschrift in Tomsk erwahnt wird, und uber 
zwei anderen, von denen der Burgermeister von Amsterdam, 



* VgL Sammlung^ russischer Geschlchte IV. S. 477. 

1* 



Nikolaus Witsen,* nur zu berichten weifi, daB die eine wegen 
der Unbekanntschaft mit den Wegen sleben und ein halbes, die 
andere drei Jahre gedauert habe. Wahrscheinlich gehoren sie 
in das Reich der Fabel. 

Die erste uns durch einen ausfuhrlichen Bericht beglaubigte 
Reise bis Peking ist die von Fedor Baikow im Jahre 1654. Der 
schon erwShnte Burgermeister Witsen, der ubrigens durch den 
hoUandischen Residenten in Moskau Peter den Grofien auf die 
grofie Bedeutung des russischen Handels mit China und Persien 
aufmerksam machte, giebt in seiner Nord en Oost Tartarye** 
einen Auszug aus der ReisebeschreibUng des Gesandten. £r 
spricht auch von einer grofieren Ausgabe in deutscher und 
hoUandischer Sprache, die in Hamburg und Paris erschienen 
sein soil. Letztere scheint nachgedruckt zu sein in den Voyages 
au Nord unter dem Titel: Voyage d*un Ambassadeur que le 
Zar de Moscoue envoy a par terre a la Chine Tannee 1653. — 
Muller'*^'*' weist nach, da6 die Jahresangabe falsch und der Be- 
ginn der Reise erst in das Jahr 1654 zu setzen ist. Ende Juni 
dieses Jahres bricht Baikow von Tobolsk auf und fahrt den 
Irtysch uber Tara und Semipalatinsk hinauf bis in das Quell- 
gebiet des Flusses, um von dort aus nach Ueberschreitung eines 
Auslaufers des Altaigebirges die Wuste Gobi zu durchqueren. 
Die erste chinesische Stadt, die er erreicht, ist Kukuchoto, ein 
Zentralpunkt des chinesich-mongolischen Handels am Turgen- 
flufi, einem Nebenflufi des Hwangho. £r erreicht diese Stadt 
erst am 12. Januar 1656, also I'/a Jahre nach seinem Aufbruch 
von Tobolsk. Seine Bitte an den Kommandanten um Lebens- 
mittel und Pferde wurde von diesem abgelehnt, da er von seiner 
Regierung nicht dazu ermachtigt sei. Als er aber ung6fahr 
einen Monat spater bei der Stadt Dschan-chja-kin-Jen die chine- 
sische Mauer erreicht und sich mit der gleichen Bitte an den 
dortigen Befehlshaber wendet, schickt dieser einen Boten nach 
Peking, um Verhaltungsma£regeln einzuholen. Er erhalt binnen 
kurzer Frist die Weisung, den Gesandten mit allem Notwendigen 
zu versehen und durch zwei Mandarinen nach Peking geleiten zu 
lassen. Hier trifft Baikow am 3. Marz 1656 ein. Anderthalb Werst 

* Nord en Oost iTartarye. Edit, a, p. 857. 

** S. 553 ff. 
*** a. a. O. S. 480/81. 



von der Stadt wurde er von zwei Wiirdentragern, Mitgliedem 
des Kollegiums empfangen, dem der Verkehr mit den aus- 
wartigen Gesandtschaften und die Behandlung der die Provinzen 
auBerhalb des eigentlichen Reiches betreffenden Angelegenheiten 
oblag. Der eine war Chinese, der andere Mandschure. Man 
fuhrte ihn in einen Gotzentempel, reichte ihm Tee, den er wegen 
der Fastenzeit, da er mit Milch und Butter vermischt war, ab- 
lehnte, und verlangte von ihm, er soUe sich gegen den Haupt- 
gotzen des Tempels vemeigen. Auch dieses Verlangen wies 
Baikow ab. In Peking selbst wurde ihm ein Haus mit zwei 
Zimmem angewiesen, das er spater gegen ein g^ofleres ver- 
tauschte. Auf Befehl des Kaisers erhielt er taglich an Lebens- 
mittehi einen Hammel, zwei Fische, drei Schusseln Mehl, zwei 
Schusseln Reis, fast ein Pfund Tee imd eine Kanne Branntwein. 
Die Behausung zu verlassen, wurde weder ihm noch seiner Be- 
gleitung gestattet, so daB er von der Stadt und den chinesischen 
Verhaltnissen nur eine oberflachliche Anschauung erhielt. Als 
wenige Tage nach seiner Ankunft das genannte Kollegium der 
auswartigen Angelegenheiten die Uebergabe der vom Zaren an 
den Kaiser von China bestimmten Geschenk^ von ihm verlangte, 
erklarte er, sie nur in einer ihm vom Kaiser bewilligten 
Audienz ubermitteln zu woUen. Da man aber auf der Forde- 
rung bestand und ihm bedeutete, es sei nicht sein Recht, eine 
Aenderung des chinesischen 2^remoniells, nach dem der Kaiser 
sich fremden Gesandten nicht zeige, fur sich zu beanspruchen, 
lieB er sich herbei, die Geschenke auszuliefem, nachdem ihm 
eine personliche Ueberreichung des fur den Kaiser vom Zaren 
bestimmten Handschreibens zugesagt ' war. Als man trotz der 
Zusage einige Tage spater auch dieses von ihm verlangte, er- 
klarte er mit aller Bestimmtheit, es nur dem Kaiser selbst aus- 
handigen zu woUen, da er von Ihrer Zarischen Majestat an den 
Chan selbst und nicht an dessen Regierung abgesandt sei. Auch 
der einige Tage darauf wiederholte Versuch, ihn umzustimmen, 
war vergeblich. Deshalb erhielt er die Geschenke wieder 
zuruck mit der Begfrundung, sie konnten nicht ubergeben werden, 
da er sich geweigert habe, niederzuknieen und den Brief dem 
Ministerium zur Weitergabe an den Kaiser zu ubermittelnw Von 
dem Verlangen, den Kotau zu voUziehen, war vorher gar nicht 
die Rede gewesen. Eine zu gleicher Zeit in Peking an- 



wesende hollandische Gesandtschaft war, um den Erfolg ihrer 
Sendung nicht in Frage zu stellen, auf diese Forderung ein- 
gegangen. Baikow aber glaubte, er sei es der Ehre seiner 
Nation schuldig, sie abzulehnen und mufite infolge dessen Pe- 
king unverrichteter Sache verlassen. Wie Neuhof, der Hofineister 
der hoUandischen Gesandtschaft berichtet, wurde die Zere- 
monie des Kotau in einer unseren militarischen Kommandos 
entsprechenden Form ausgefuhrt. Der Herold mft in kurzen 
Absatzen aus: ,,Gott hat den Chan gesandt*, „Fallet auf die 
Kniee*, „Neiget das Haupt**, „Stehet auf*, ,Gehet auf die 
Seite*. Dieser Akt wurde dreimal wiederholt. Da6 sich Bai- 
kow, wie Neuhof erzahlt, um seine Anwesenheit in Peking 
seinem Herm gegenuber zu beglaubigen, von dem Fiihrer der 
hoUandischen Mission einen Schein daruber habe ausstellen lassen, 
erscheint ebenso wenig glaubwiirdig, wie die Nachricht, er sei 
auf seiner Ruckreise angehalten worden, bis er sich einen Pafi 
vom Kaiser von China beschafft habe. Denn nach der Dar- 
stellung von Witsen erhielt er nicht nur ein Schreiben des 
chinesischen Kaisers an den Zaren, sondem auch Geleit und 
Lebensmittel. Nach iingefahr sechsmonatlichem Aufenthalt ver- 
lieB Baikow am 4. September 1656 die Stadt und langte auf 
demselben Wege, wie er gekommen war, am 31. Juli des nach- 
sten Jahres in Tobolsk wieder an. 

Die weitere Beruhrung der Russen mit den Chinesen er- 
folgte im Amurgebiet, in das der russische Handelsmann, an- 
gelockt durch die Schilderungen von den Reichtumem dieser 
Gegend, ais Pionier der spateren russischen Eroberung eindrang. 
Mit Recht sagt der wahrend unserer Chinaexpedition verstorbene 
Graf York in seinem Aufsatze „Das Vordringen der russischen 
Macht in Asien**:* „Wenn heute die Tungusten und Ostjaken, 
Buijaten imd Samojeden, Giljaken, Ssojeten, Manegren, Golden 
und zahlreiche andere Volkerschaften unter dem Zepter des 
Zaren stehen und meist auf dem Aussterbeetat sind, wenn die 
gelbe Rasse den gewaltigen Druck russischer Machtausdehnung 
mit jedem Jahrzehnte starker fuhlt, so ist daran nicht zum 
wenigsten das wertvolle kleine Tier aus dem Mardergeschlecht 
schuld, welches freilich selbst bei der andauernden Verfolgung 

* S. 6. 



immer seltener geworden ist und sich immer mehr in die unwirt- 
lichsten Gegenden SibirienSf in die Walder und Wusteneien ost- 
lich der unteren Lena und nach Kamtschatka zuruckgezogen hat.'' 
Gegen Getreide, Silber, kupfeme Kessel, seidene und wollene 
Zeuge wurde der Zobel von dem russischen Promyschlennik ein- 
getauscht. Ein solcher war auch Chabarow, der mit einer kleinen 
Schar von 70 Freiwilligen und einigen Kosaken, vom Woiwoden 
von Jakutzk mit Anweisungen versehen, sich 1649 ^^^ Amur- 
gebiet begab und 1651 als Stutzpunkt der russischen Nieder- 
lassung Albasin am oberen Amur begrundete. Nach ihm heifit 
(heute die Stadt Chabaroffsk am Einflufi des Ussuri in den Amur, 
tin deren naturhistorischem Museum sich auch Trophaen aus den 
^ersten Kampfen mit den Chinesen befinden. Sie ist ein Haupt- 
punkt der sibirischen Bahn und ein stark besetzter Gamisonort 
der Russen. Die mannigfaltigen Kampfe^ die Chabarow und seine 
Nachfolger, besonders Stepanow, Paschkow und Tolbusin, in 
den nachsten zwanzig Jahren mit den dort angesessenen Dauren 
zu bestehen hatten, im einzelnen zu verfolgen, ist nicht meine 
Absicht. Sie sind fur uns nur insofem von Interesse, als sie die 
Russen mit den Mandschuren und Chinesen in Beruhrung und Kon- 
flikt brachten. Die Schwierigkeiten , die sich ihrer SeBhaft- 
machung und der Unterwerfung des Amurgebiets entgegen- 
stellten, waren nicht gering. Sie lagen in der Art, wie diese 
in Angriff genommen wurde und in dem Charakter der Eroberer 
selbst. Das Mutterland war zu weit entfernt, so daB die wenigen 
Freibeuter, die sich hinauswagten, von Hause aus nicht nach- 
drucklich genug unterstiitzt werden konnten. Dann aber waren 
die Kosaken nicht bestandig genug. Sie lebten lieber muhelos 
von der Hand in den Mund, als daB sie sich entschliefien konnten, 
sich fest anzusiedeln und durch selbstbetriebenen Ackerbau 
dauemden Lebensunterhalt zu erwerben. Auch mochten sie sich 
nicht fugen und widersetzten sich teilweise sogar den aus der 
Heimat gesandten Befehlshabern, die wiederum untereinander 
rivalisierten und dadurch eine einige, geschlossene Defensive und 
Offensive unmoglich machten. Vor allem aber merkten die 
Chinesen bald, dafi ihnen in den Ankommlingen von Westen ge- 
fahrliche Nachbarn erstanden. Chinesische Kaufleute trieben mit 
den Dauren Handel. Infolgedessen stellten sie sich zuerst bei 
den Kampfen, die bei dem Expansionsbedurfnis der Russen un- 



8 



ivermeidlich waren, aus Nutzlichkeitsgrunden aiif ihre Seite, ohne 
jihnen aber nachhaltige Unterstutzung zu leisten. Sle glaubten 
anfangs damit auskommen zu konnen, die Daureti als Puffer 
gegen den russischen Anprall zu benutzen. Im russischen Lager 
erschien sogar ein vornehmer Chinese und erklarte unter vielen 
Ehrenbezeug^ngen fur die Russen, daB die Chinesen mit ihnen 
in Frieden und Eintracht zu leben wunschten. Das anderte sich 
aber bald. Und wenn schon im Jahre 1652 regelrechte chine- 
sische Truppen zur Unterstutzung der Eingeborenen vor der von 
Chabarow gegrundeten Festung Atschanskoi Gorod erschienen, 
so konnea wir darin eine Wirkung des wenige Jahre vorher, 
1644, in Peking erfolgten Dynastiewechsels erkennen. Die tat- 
kraftigen Mandschuren waren nicht gewillt, dem russischen Ein- 
dringling die Bahn frei zu lassen. Allerdings gelang es den 
Russen dieses Mai noch, den feindlichen Angriff abzuschlagen. 
Ebenso gliickte es Chabarow, den Amur aufwarts an einem 
6000 Mann starken chinesischen Heere durch schnelles SegeLn 
vorbeizukommen. Aber in der richtigen Erkenntnis der ver- 
anderten Sachlage schickte er Boten nach Jakutzk mit der sehr 
nachdrucklichen Bitte, ihm Hulfe zu schicken. Zwei seiner Leute 
wurden von Jakutzk nach Moskau beordert, um daselbst ihr An- 
liegen anzubringen. Von dort war aber schon vor ihrer Ankunft 
^imoniew mit der Weisung abgeschickt worden, sich mit Chabarow 
zu vereimgen. Von einer groBeren Truppensendung sah man zu- 
nachst noch ab. Daher mufite auch Simoniew versuchen, Frieden 
mit den Chinesen zu halten und beschloB, wie da schon Chabarow 
beabsichtigt hatte, Gesandte nach Peking zu schicken. Diese 
wurden jedoch auf dem Hinwege von den Dutscheri, die sie zu 
einem chinesischen Befehlshaber geleiten sollten, meuchlings er- 
mordet. Simoniew setzte an die Stelle des nach Moskau zur 
Berichterstattung abgegangenen Chabarow den Kosaken Stepa- 
now, der im Jahre 1654 eine chinesische Streitmacht schlug, die 
die Einfahrt der Russen in den Schingal ' hindern soUte. Er 
konnte sich aber, da weitere chinesische, Verstarkimgen in Aus- 
sicht standen, nicht ins Innere wagen. Im Jahre darauf griff in 
der Tat ein chinesisches Heer von angeblich 10 000 Mann den 
damals bedeutendsten Stutzpunkt der Russen Kumarsk an und 
belagerte ihn vergeblich mehrere Wochen lang. Zwei gefangene 
Chinesen verlangten imd erhielten die Taufe und wurden dann 



nach Jakutzk geschickt. Stepanow erhielt eine Belobigung 
durch ein Schreiben vom Zaren, gleichzeitig aber wurde er er- 
mahnt, „den schon bezwungenen oder noch zu bezwingenden 
.Volkem mehr mit Gelindigkeit als Strenge zu begegnen, den 
Tribut nach eines jeden Vermogen einzurichten und mit den 
Chinesen keine unnutzen Handel anzufangen^. „Bella gerant alii^ 
scheint damals schon im Programm der russischen China-Politik 
gestanden zu haben. 1656 wurde Paschkow mit einem hoheren 
Kommando abgesandt. Dieser soUte auch uber Stepanows 
Truppen zu gebieten haben. £r grundete 1658 die Stadt Ner- 
tschinsk, die Vereinigung aber mit Stepanow gelang ihm nicht. 
Denn dieser war im Sommer desselben Jahres mit 500 Mann 
bei einer Fahrt den Amur hinunter von einer chinesischen FlotiUe 
uberwaltigt worden. Eine groBe Menge von Zobeln wurde die 
Beute der Chinesen. Nertschinsk blieb jetzt mehrere Jahre hin- 
durch die Hauptstadt der Russen. Hierher schickten die Chinesen 
wegen der Verheerungen am Sungari 1670 eine Gesandtschaft,* 
die von den Russen erwidert wurde. Ignaz Milowanow wurde 
mit vier Begleitern nach Peking geschickt, vom Kaiser freund- 
lich aufgenommen und, von einem Mandarin und 65 Mann ge- 
leitet, mit einem fur den Zaren bestimmten Brief zuruckgeschickt. 
Diese beiden Gesandtschaften finde ich in keiner der mir vorliegen- 
den Quellen erwahnt. AufTallend ist, daB sich die Chinesen uber 
Einfalle der Russen in das Flufigebiet des Sungari beschweren, 
eines weit ostlich uber Aigun hinaus von Suden in den Amur 
sich ergieBenden Nebenflusses. Sollten die Russen, nach Stepa- 
nows Niederwerfung arg in der Defensive, sich so weit nach 
Osten gewagt haben? Aus dieser heraus sandte der Zar, zumal 
die Russen infolge der Zinsbarmachung einiger Tungusen vor 
weiteren chinesischen Peindseligkeiten besorgt waren, einen ge- 
borenen Griechen, Nicolaus Spafari, im Jahre 1675 mit statt- 
lichem Gefolge an den Pekinger Hof. Er scheint sich dort etwas 
unhoflich betragen zu haben. Denn als Ismailow 47 Jahre spater 
als russischer Gesandter an den chinesischen Hof kam, baten 
ihn die Beamten, sich groBerer Hoflichkeit zu befleiBigen, als 
es Spafari getan habe. Vom Kaiser wegen eines in der chine- 
sischen Sprache „goldener Nagel'' genannten Stemes befragt, 



* Vgl. Kohn und Andree, Sibiriea und das Amurgebiet II, 6. 



lO 



antwortete er ebenso grob wie toricht: „Ich bin nicht im Himmel 
gewesen, dafi ich die Namen aller Sterne wissen sollte." Das 
Resultat seiner Verhandlungen war fur Rufiland ein sehr im- 
gunstiges. Denn schon auf der Hinreise soil er von Zizichar am 
NonnifluB nach Verhandlungen mit einem chinesischen BevoU- 
machtigten diesem das Zugestandnis gemacht haben, daB Tribut- 
erhebungen an der Seja, eines in der Nahe von Aig^n von 
Norden in den Amur mundenden Nebenflusses, den Russen nicht 
gestattet sein soUten. Nach Nertschinsk zuruckgekehrt, schickte 
er nach Albasin die Weisimg, man durfe in Zukunft weder den 
Amur noch die Seja befahren. Gleichzeitig forderte er die Be- 
satzung auf, sich gegen einen bevorstehenden chinesischen An- 
griff in Verteidigungszustand zu setzen. In der Tat befestigten 
die Chinesen im Jahre 1683 die Stadt Aigun als BoUwerk gegen 
ein weiteres Vordringen der Russen und zwangen eine von 
Albasin bis dorthin vorruckende russische Expedition unter Myl- 
nikow zur Kapitulation. Einige Russen wurden als Gefangene 
nach Peking gebracht. Zwei von ihnen wurden im Jahre darauf 
vom chinesischen Kaiser nach Albasin geschickt, um auch die 
dortige Besatzung zur freiwilligen Uebergabe zu uberreden. Sie 
legten, da zwischen Aigim und Peking zur besseren Verbindung 
Poststationen eingerichtet waren, diesen Weg in 15 Tagen zuruck 
und kamen nach weiteren 14 Tagen in Albasin an. Der dortige 
Befehlshaber gab seinen Leuten von dem Inhalt des chinesischen 
Schreibens Kenntnis, einstimmig aber lehnten sie die an sie ge- 
stellte Zumutung ab. Darauf gingen die Chinesen mit Gewalt 
vor. Sie zogen bis in die Nahe der Stadt, zerstorten russische 
Ansiedlungen durch Feuer und versuchten Gefangene zu machen, 
um durch diese naheres liber die Starke der jetzt unter dem 
Kommando von Tolbusin stehenden Besatzung der Stadt zu er- 
fahren. Dort hatte man weder Waflfen noch Leute genug, wah- 
rend die Chinesen durch die nahen Beziehungen der in Peking 
in antirussischem Sinne wirkenden franzosischen Jesuiten zu 
dem reformfreundlichen, uberaus tuchtigen Kaiser Kanghi reich- 
lich mit Feld- und schwerer Belagerungsartillerie ausgerustet 
waren. Sie ruckten mit einer Flotte von 100 Fahrzeugen mit 
je 40 bis 50 Mann starker Besatzung und einem Landheer von 
1 0000 Mann gegen die Festung vor. Am 11. Juni 1685 forderte 
der chinesische Oberbefehlshaber im Namen seines Kaisers in 



1 1 



driei, in russischer, polnischer und mandschurischer Sprache ab- 
gefafiten Schreiben durch zwei bei den Chinesen in Gefangen- 
schaft befindliche Kaufleute die Stadt zur Uebergabe auf. Als 
daraiif keine Antwort erfolgte, begann die Beschiefiung. Ob- 
gleich Tolbusin alles Volk aus der Umgegend in der Festung 
vereinigt hatte, verfugte er, da die von Nertschinsk erwartete 
Hulfe ausblieb, nur uber 450 Mann. Sein Kriegsgerat bestand 
aus drei Kanonen und 300 Musketen. Von seinen Leuten fielen 
schon in den ersten Tagen 100 Mann. Die holzernen Turme 
und Wande der Befestigung, die wohl gegen ein nur mit Bogen 
und Pfeilen ausgerustetes Heer, aber nicht gegen so starke Ar- 
tillerie Schutz boten, wurden arg beschadigt. Aufierdem trat 
bald Mangel an Munition ein. Daher mufite Tolbusin den Bitten 
der Einwohnerschaft nachgeben und gegen freien Abzug kapi- 
tulieren. Vorher wurde er mit der ganzen Besatzung ins chine- 
sische Lager entboten, wo man die Russen imter vielen Ver- 
sprechungen zum Uebertritt auf die chinesische Seite zu be- 
stimmen suchte. 25 Mann lieBen sich uberreden, die anderen 
gingen mit freiem Geleit nach Nertschinsk. Der Mifierfolg lieB 
Tolbusin nicht ruhen. Durch eine in die Gegend von Albasin 
vorgeschickte Mannschaft lieB er feststellen, dafi die Chinesen 
zwar die Stadt und umliegenden Dorfer verbrannt, das Getreide 
aber hatten stehen lassen. Da sie sich auBerdem nach Aigun 
zuruckgezdgen hatten, beschloB er, Albasin von neuem aufzubauen, 
starker zu befestigen und zu umwallen. DaB die Chinesen den 
Aufbau der Festung nicht hinderten, erscheint unbegreiflich. 
Sie begnugten sich damit, durch angeblich tributzahlende 
Tungusen Nachrichten uber den Stand der Arbeiten ein- 
zuziehen, machten auch selbst von Zizichar aus Streifzuge in das 
russische Gebiet, wurden aber dabei von einem Unterbefehls- 
haber Tolbusins zuruckgeworfen. Diesem gelang es, einen Mand- 
schuren gefangen zu nehmen. Von ihm erfuhr er, daB die 
Chinesen fur das Jahr 1687 einen neuen Angriff auf Albasin be- 
absichtigten, inzwischen aber die Stadt Aigim an die rechte Amur- 
seite, einige Tagereisen unterhalb des iirsprunglichen Platzes 
verlegt batten und den Bau eines neuen befestigten Stutzpunktes 
gegen die Russen planten, mit dem aller Wahrscheinlichkeit 
nach die Stadt Mergen am NonnifluB (Naun) gemeint war. Aber 
schon im Juli 1686 ruckte eine chinesische Landmacht von 



12 



3000 Mann und 150 bemannte Fahrzeuge vor die Stadt und be- 
gann ihre Beschiefiung. Als der Winter herankam, ohne daB 
die Einnahme gelungen war, beschrankten sie sich auf eine Be- 
lagerung von der Landseite, da die Bussen* unter dem Treib- 
eise zu leiden hatten. Die anfangs 736 Mann starke Besatzung 
schrumpfte durch die Verluste bei den Ausfallen, durch Krank- 
heiten, die infolge der feuchten Hohlenwohnungen entstanden, 
besonders durch Skorbut, arg zusammen. Leider fiel auch Tol- 
busin selbst Ende September von einer Kanonenkugel getroffen. 
An seine Stelle trat der Deutsche Beuthen, der durch sein stand- 
haftes Ausharren die von Natur energielosen Chinesen zur 
Aufgabe der Blokade veranlafite. Vergeblich hatten sie durch 
Briefe, die sie auf Pfeile spiefiten und so in die Stadt bejforderten, 
die nur noch 66 Mann starke Besatzung unter alien moglichen 
Zusagen zur Kapitulation zu bestimmen versucht. Wie Friedrich 
der Gro6e nach dem siebenjahrigen Kriege das Neue Palais 
baute, um seinen Feinden zu zeigen, dafi seine Geldmittel noch 
nicht ersch5pft seien, lieB — si • parvum licet componere magno 
— unser braver Landsmann eine groBe Pastete backen und 
schickte sie zum Zeichen, wie wenig er mit den Seinen an 
Mangel litte, an die saimiseligen Belagerer. Diese zogen sich im 
Mai 1687 vier Werst von Albasin zuruck, so dafi die Belagerten 
ungehindert die Verbindung mit Nertschinsk herstellen und sich 
mit Proviant und frischen Truppen versehen konntcn. Die Ver- 
anlassung zu dem schier unglaublichen Zuruckweichen waren 
die von Rufiland inaugurierten Friedensverhandlungen, deren 
Einleitung schon in das Jahr 1685 zuruckgeht. 

Am II. Dezember dieses Jahres war der Kanzleibeamte 
Wennkow mit der Nachricht nach Peking geschickt worden, dafi 
eine aufierordentliche Gesandtschaft des Zaren abgeordnet werden 
soUte, um die Grenzstreitigkeiten mit den Chinesen durch einen 
Vertrag beizulegen. Wennkow wurde ungefahr ein Jahr spater mit 
eineip in chinesischer und mandschurischer Sprache abgefafiten und 
in mongolischer und lateinischer Uebersetzung wiedergegebenen 
Antwortschreiben des Kaisers von China an den Zaren zuruck- 
geschickt. Darin versicherte der chinesische Kaiser Kanghi die 
beiden Zaren — Peter der Grofie regierte damals nominell noch 



* Chinesische Falirzettge. 



^3 

mit seinem Stiefbruder zusammen — seiner friedlichen Gesinnung 
und brachte den Wunsch zum Ausdruck, auch seinerseits in Unter- 
handlongen uber eine Grenzscheide einzutreten. 

Inzwischen war schon am 20. Januar 1686 die russische Ge- 
sandtschaft nach Peking aufgebrochen. Ihr Fiihrer war Fedor 
Alexiewitsch Golowin, dem der Woiwode von Nertschinsk, 
Wlassow, und ein Sekretar mit einigen Gesandtschaftskavalieren 
beigeordnet warden. Als militarische Eskorte folgte ihnen ein 
Regiment von 500 Mann Strelitzen miter dem Kommando eines 
Obersten Skripizin. Die Reise ging langsam von statten. Von 
Ende September 1686 bis Mitte Mai 1687 blieb Golowin in Ry- 
binsk an der oberen Tunguska im Winterlager, da die Flusse 
so lange vereist waren. Ende September 1687 erreichte er 
Udinsk an der Selenga, nachdem er die ganze Reise dorthin zu 
Wasser zuruckgelegt hatte. Von hier brach er schnellstens 
nach Nertschinsk auf, um durch die ErofFnung der diploma- 
tischen Verhandlungen die Aufhebung der Belagerung von Al- 
basin zu veranlassen. Kaum unterwegs, erhielt er die Mitteilung, 
dafi die Chinesen am 30. August von dort abgezogen seien. 
Die veranderte Sachlage bestimmte ihn furs erste uber Udinsk 
nach Selenginsk zu gehen, von wo er Mitte November 1687 den 
Gesandtschaftskavalier Korowin nach Peking schickte, um seine 
Ankunft anzuzeigen und zu erfahren, an welchem Ort die Ver- 
handlungen gefuhrt werden soUten. Die Aufgabe der Belagerung 
von Albasin vor dem Beginn der Verhandlungen ist sehr aufiallig. 
Sie scheint zunachst im Gegensatz zu der Nachricht zu stehen, daB 
mongolische Stamme im Januar 1688 die Stadt Selenginsk noch 
wahrend der Anwesenheit des russischen Bevollmachtigten mit 
einem so groBen Heere belagerten, daS ihm im Rucken die 
Verbindung mit Udinsk abgeschnitten war. Nach zwei Zusammen- 
stofien bei Udinsk und Selenginsk wurde die Ruhe wieder- 
hergestellt. Die Vermutung liegt nahe, daB die Mongolen im 
Auftrage der Chinesen handelten, die den Russen die Unsicher- 
heit und Gefahrlichkeit ihrer Position auch ohne chinesische 
Offensive ad oculos demonstrieren, andrerseits aber durch ihren 
Ruckzug von Albasin ihre friedliche Gesinnung bekunden wollten 
und dadurch gunstige Bedingungen fur den abzuschliefienden 
Vertrag zu erreichen hofiften. 

Am 28. Juni 1688 kehrte endlich Korowin nach Udinsk 



14 

zuriick, wo inzwischen der russische Gesandte sein Standquartier 
genommen hatte. £r brachte die Nachricht, daS vom chine- 
sischen Kaiser der Staatsrat und Hauptmann der Leibwache 
Sosan uod sein Oheim Tong que kang, der einen hohen milita- 
rischen Rang bekleidete, mit den ihnen als Dolmetscher bei- 
gegebenen Jesuiten Pereira, einem Portugiesen, und Gerbillon, 
einem Franzosen, fiir die Friedensverhandlungen abgeordnet 
seien, und am 20. Mai von Peking nach Selenginsk aufbrechen 
wurden. Danach ware ihre Ankunft Mitte August zu erwarten 
gewesen, wenn nicht ein in jener Zeit zwischen dem Eleuten- 
fursten Kaldan und dem von den Chinesen unterstutzten freien 
Mongolenstamm der Khalchas ausgebrochener Krieg ihre Reise 
verzogert hatte.* Da sie ihre Reise durch die von den Kriegs- 
unruhen heimgesuchte Mongolei nicht fortsetzen konnten, erbaten 
sie in Peking neue Anweisungen und erhielten den Bescheid, 
Golowin in Selenginsk den Grund ihres Verweilens mitzuteilen 
und ihn aufzufordern, ihnen an die Grenze des chinesischen 
Reiches entgegenzukommen oder einen anderen Vorschlag fur 
die Fortfuhrung der Friedensverhandlungen zu machen. Waren 
die Russen militarisch starker gewesen, so hatten sie aus der 
bedrangten Lage der Chinesen Vorteilc fur sich ziehen konnen. 
Denn Kaldan war diesen ein nicht zu unterschatzender Feind. 
Seine Unterwerfung hat noch nachher dem Kaiser Kanghi, der 
personlich gegen ihn zu Felde ziehen mufite, Schwierigkeiten 
genug bereitet. Es kam hinzu, daB er sich direkt an die Russen 
gewandt und sie aufgefordnrt hatte, gemeinsame Sache mit ihm 
zu machen. Das Gewicht aber, dafi sie in die Wagschale werfen 
konnten, war damals zu gering, als daB sie ein solches Wagnis 
hatten unternehmen konnen. Der Vertrag von Nertschinsk, der die 
russische ostasiatische Politik auf 170 Jahre lahm legte, ware 
sonst anders ausgefallen. In seinem Antwortschreiben teilte 
Golowin mit, dafi er den Winter uber an der russischen Grenze 
bleiben woUe und seinerseits den Chinesen die Wahl des Ortes 
fur die nachstjahrige Zusammenkunft uberlasse. Er sandte dann 
im Mai 1689 ^^^^^ Boten nach Peking, der ihm den EntschluB 
des Kaisers uberbrachte, den FrIedenskongreB nach Nertschinsk 
zu verlegen. Dorthin brach diechinesische Gesandtschaft, die 

* Der Reisebericht ist von Gerbillon aufgexeichnet und von Halde im vierten 
Tell seiner Beschreibung von China (Haag 173^) aufgenommen worden. 



^5 

inzwischen nach der Hauptstadt zuruckgekehrt war, am 3. Juni 
auf. Mit den Boten, die ihre bevorstehende Ankunft antneldeten, 
erschienen vor Nertschinsk 76 chinesische Fahrzeuge mit je einer 
Kanone, 800 Pferden uad so starker Besatzung, dafi die Chinesen 
mit der gleichzeitig eintreffenden Landmacht uber eine Truppenzahl 
von loooo Mann verfiigten. Davon, daB ein solches Geschwader, 
angeblich um die Lebensmittel fiir die Gesandtschaft heran- 
zuschaffen, vor Nertschinsk eintreffen wurde, wurde Golowin 
14 Tage vorher durch ein Schreiben des chinesischen Kaisers 
benachrichtigt. In der naturlichen Besorgnis liber ein so starkes 
militarisches Aufgebot in Begleitimg der Friedensgesandten, liefi 
Golowin der chinesischen Legation bei ihrer Ankunft in Albasin 
durch Beuthen sagen, sie mochte ihn zur Aufnahme der Ver- 
handlungen dort erwarten. Der Vorschlag wurde abgelehnt, fijULt^*^^ 
die Gesandten trafen am 21. Juli vor Nertschinsk ein und schlugen 
auf der Ebene zwischen der Schilka und Nertscha ihr Lager 
auf. Am 10. August kam auch Golowin an und zwei Tage 
sp&ter begannen die Unterhandlungen. Diese wurden in einem 
gemeinsamen, aus einenvjussischen und einem chinesischen zu- 
sammengesetzten Zelte^ter Hinzuziehung einer Eskorte von je 
300 Mann russischer und chinesischer Truppen gefuhrt. AuSer- 
dem sollten 500 Mann russischer Truppen vor der Stadt Ner- 
tschinsk und ebenso viele Chinesen vor der Flotille am Ufer der 
Nertscha wahrerid der ganzen Dauer der Verhandlungen Auf- ^hj^\JK\/^ 

y(^)}cl.AA>^ellung nehmen. Gerbillon berichtet, dafi Pereira und er viel 
Muhe gehabt hatten, den Chinesen, die zum ersten Male mit 
einer fremden Macht paktierten, die grundlegenden Begri£fe des 1 
Volkerrechtes klar zu machen und sie von der Unverletzlichkeit UiMr 
der Gesandten zu uberzeugen. Mit den gebotenen Formen einer 1 
\ Ksolchen Mission nicht vertraut, hatten die chinesischen Vertreter 0^ * 
kj^'^kein Beglaubigungsschreiben ihres Monarchen und verzichteten I 

^ infolgedessen auf die Vorlegung des russischen. Als Dolmetscher }^^jJ^^ 

Golowins fungierte einer der russischen Kavaliere, der die latei- 
nische Sprache fliefiend beherrschte und sich so den Jesuiten 
verstandlich machen konnte. Auf russischen Vorschlag kam man 
liberein, die voraufgegangenen Streitigkeiten bei Seite zu lassen 
und das Hauptaugenmerk auf die Festlegung der Grenze zu 
richten. Als solche schlug Golowin den Amur vor, in der Mei- 
nung, damit den Chinesen schon genugend entgegenzukommen, 



i6 



da bis dahin mehrere sudlich vom Amur seBhafte Stamme den 
Russen in Albasin zinsbar gewesen waren und die Chinesen der 
Anlegung einer russischen militarischen Station Argunsk am 
siidlichen Nebenflufi des Amur, dem Argun, kein Hindernis in 
den Weg gelegt batten. Demgegenuber verlangten die Chinesen, 
ohne allerdings, wie Gerbillon selbst zugibt, an die Bewilligung 
einer so weitgehenden Forderung zu glauben, die Russen soUten auf 
alle ihre Besitzungen bis zum Baikalsee, also auf Albasin nicht nur, 
sondernauch auf NertschinskundSelenginskVerzicht leisten. Schon 
am Tage darauf gaben sie so weit nach, dafi sie Nertschinsk als 
russische Grenzstadt und Handelsemporium anerkennen woUten. 
Weitere Zusammenkunfte fanden nicht statt. Alle spateren Unter- 
handlungen wurden durch hin- und hergehende Beauftragte der 
Gesandten, besonders durch die sehr geschickten Jesuiten ge- 
fuhrt. Diese waren von der eigentlichen Absicht der Chinesen, 
die Russen durch die Preisgabe von Albasin vom Amur abzu- 
schlieBen, unterrichtet. Sie waren bei der zweiten personlichen 
Zusammenkunft der Gesandten nicht zugegen gewesen, da die 
Chinesen, auch auf sie argwohnisch, mongolische Dolmetscher vor- 
gezogen hatten. Die Jesuiten begaben sich nun, angeblich um sich 
bei den Russen nach dem Stande der Dinge und dem Grunde 
zu erkundigen, warum die Verhandlungen nicht Veiter durch die 
Gesandten selbst gefuhrt wurden, in Wirklichkeit zur eigenen 
Information und ohne offiziellen Auftrag, in die Stadt. Unter- 
wegs aber begegnete ihnen ein russischer Bote mit dem Vor- 
schlag an die Chinesen, die bisherigen gegenseitigen Forderungen 
schriftlich festzulegen und daruber an die Hofe in Moskau und 
Peking zu berichten. Dennoch gelang es den Jesuiten, von Go- 
lowin empfangen zu werden. Sie setzten ihm auseinander, daB 
es den Chinesen vor allem auf die Schleifung von Albasin an- 
komme, uber das ubrige wurden sie mit sich reden lassen. Der 
Russe aber bestand darauf, einen endgultigen Bescheid zu er- 
halten. Dieser wurde ihm dahin, daB die Grenze zunachst dem 
Argun folgen, dann von dessen ZusammenfluB mit der Schilka 
nach der Stelle, wo die Gorbitza von Norden in die Schilka 
flieBt, abbiegen soUte. Von hier soUte sie durch die Gorbitza, 
die im Jablonoi-Gebirge entspringt, gebildet werden und weiter- 
hin der Kamm dieses Hohenzuges in nordostlicher Richtung die 
Grenzscheide sein, Der Ostrog Argunsk sollte den Chinesen 



zufallen. Spater gingen sie darauf ein, dafi diese Station 
den Russen verbleiben und nnr vom ostlichen auf das westliche 
Ufer des Flusses verlegt werden soUte. Der Hauptstreitpunkt 
aber blieb Albasin. Hiervon war, da dieser Platz weit mehr in 
der nissischen Interessensphare gelegen war, bei den Ver- 
handlungen fiber die Argungrenze nicht die Rede gewesen. Die 
Jesuiten gaben sich nun den Anschein, als hielten sie sich be- 
rechtigt, daraus den SchluS zu ziehen, die Russen seien mit der 
Abtretung dieses fur sie so wichtigen Punktes einverstanden, 
wahrend Golowin in seinen Gegenvorschlagen fiber Albasin 
hinaus die Seja als Grenze forderte. Sie stellten es daher jetzt 
so dar, als batten die Russen ihre Zusage zurfickgenommen und 
bestimmten die Chinesen zum Abbruch der Verhandlungen. 
In einem darauf abgehaltenen chinesischen Kriegsrat wurde 
sogar die regelrechte Belagenmg von Nertschinsk in Er- 
wagung gezogen und beschlossen, die den Russen unter- 
wfirfigen Timgusen und Mongolen gegen sie aufzuwiegeln. 
Gleichzeitig wurden lOo Mann nach Albasin geschickt, um 
mit den dort zurfickgelassenen Truppen auch diese Stadt ein- 
zuschliefien. Unter- dem Druck dieser Ereignisse schickte 
Golowin einen Unterhandler in das cfainesische Lager mit der 
Versicherung, die Russen seien aufrichtig gewillt, die Ver- 
handlungen fortzufuhren und batten nichts versaumt, sie zu ge- 
deihlichem Ende zu fuhren. Wfirden sie jetzt von den Chinesen 
abgebrochen, so bate er nochmals um ProtokoUierung der bis- 
herigen Abmachungen und schriftliche Niederlegung ihrer Forde- 
rungen. Ffir seine Person ffigte der Dolmetscher hinzu, die 
Russen seien nach seiner Ansicht nunmehr bereit, Albasin ab- 
zutreten, hatten aber bei den anmafiendenPratensionen der Chinesen 
ihrerseits das Angebot nicht machen woUen. Diese lehnten ein 
weiteres Paktieren schroff ab und verlangten ein bedingungsloses, 
sofortiges Eingehen der Russen auf die ihnen zuletzt gemachten 
Anerbietungen. Da es ihnen gelungen war, einen den 
Russen seit dem vorigen Jahre tributpflichtigen Stamm zum Ab- 
fall zu bestimmen, und die Befurchtung nahe lag, daB andere 
diesem Beispiel folgen wfirden, blieb Golowin nichts fibrig, 
als auf die gestellten Bedingungen einzugehen. Die Form- 
gebung des Vertrages dauerte noch drei Tage. Sie wurde den 
Chinesen uberlassen, die noch in letzter Stunde den Versuch 

Krieger, Rntsisch-Chinesische Politik. s 



i8 



machten, die bisher im Nordosteo durch das Jablonoi-Gebirge 
bezeichnete Grenze weiter nach Norden hinaufzuschieben. Von 
den Jesuiten belehrt, da6 die Russen dieses anmaBende Ver- 
langen unter alien Umstanden ablehnen wurden — das Schweigen 
Golowins bestatigte diese Annahme — , muBten sie sich mit dem 
ursprunglichen Status bescheiden. So wurde der Vertrag nun 
endlich in russischer, mandschurischer und lateinischer Sprache 
abgefafit; nur die doppelt ausgefertigte lateinische Uebersetzung 
wurde von den Vertretem beider Machte unterschrieben. Das 
fur den Zaren bestimmte Exemplar unterzeichneten die Russen, 
das andere die Chinesen an erster Stelle. Zur feierlichen Aus- 
fertigung erschienen die chinesischen Gesandteo» in einem von 
den Russen auf freiem Felde aufgerichteten Zelte. Sie waren 
sogar bereit, den Eid vor dem Kruzifix abzuleisten, die Russen 
begnugten sich jedoch mit der bei den Chinesen dafur ublichen 
Zeremonie. Nachdem die Unterschriften gegeben waren, imi- 
armten sich die Gesandten und blieben im Zelte der Russen bis 
nach Mittemacht schmausend zusammen. Der erste Paragraph 
bestimmte die Gorbitza und das Jablonoi-Gebirge bis zu seinen 
Auslaufem an den Ozean als nordostliche Grenze. Die Re- 
gulierung der Grenzlinie in dem Gebiet zwischen dem zum russi- 
schen Reich gehorenden Flu6 Ud und dem Gebirge blieb spate- 
ren Verhandlungen vorbehalten, fur die man erst genaue Kenntnis 
der Gegend einziehen woUte. Als Grenze im Suden wurde 
der Argun von seinem Ursprung bis an den Zusammenflufi mit 
der Schilka im zweiten Paragraphen mit der Bestimmung fest- 
gesetzt, daB alle bisher auf dem rechten Ufer liegenden russi- 
schen Ansiedlungen auf das linke verlegt werden mussten. Der 
dritte Paragraph bestimmte die Schleifiing von Albasin, dessen 
Besatzung freier Abzug gewahrleistet wurde. Der nachste han- 
delte von der Auslieferung der Ueberlaufer. Wer bisher zu dem 
anderen Volke ubergegangen war, sollte dort bleiben, jeder 
spatere Ueberlaufer aber ausgeliefert werden. Im funften wurde 
gegenseitiger freier Handelsverkehr zugesichert. Wer aber in 
rauberischerAbsicht oderder Jagd halber die Grenze uberschreite, 
der sollte, so hieB es im SchluBparagraphen, sofort verhaftet 
und dem Befehlshaber seiner nachsten Grenzstation zur Be- 
strafung uberwiesen werden. Wurden solche Raubzuge von 
grSBeren Haufen untemommen, so muBten die Teilnehmer mit 



\9 

dem Tode bestraft werden. Im ubrigen aber solle man sich 
befieiBigen, alle enstehenden Zwistigkeiten nicht durch Krieg 
und BlutvergieBen, sondem durch schriftliche Auseinandersetzuog 
mit den Hofen friedlich beizulegen. 

Am 27. August 1689 wurde dieser Vertrag von den beider- 
seitigen Gesandten unterfertigt. Die Russen waren der chinesischen 
Tucke und den jesuitischen Ranken erlegen. Es ist interessant zu 
. verfolgen, wie geschickt es die Jesuiten verstanden, ihr erfolgreiches 
Mitwirken fur ihre Zwecke auszunutzen. Mit Recht weist von 
Baer in seiner trefFlichen Schrift j^Peters des Grofien Verdienste 
um die Erweiterung der geographischen Kenntnisse,^ nach, da6 
diplomatische Schlappea der Russen immer die Folie fur eine £r- 
hohung des Einflusses der Jesuiten waren, die in den Bestre- 
bungen Peters, der russischen Kirche in Peking eine bleibende 
Statte und Anerkennung zu sichern, eine Hemmung ihrer eigenen 
Plane sahen. Bei allem Entgegenkommen und bei aller Reform- 
freudigkeit hatte Kanghi den christlichen Missionen nur fur die 
Europaer und die bis dahin getauften Chinesen freie Religions- 
ausubung gestattet, dagegen die Proselytenmacherei verboten. 
Noch zwei Jahre vor demFrieden vonNertschinsk waren vom Kaiser 
Verfugungen erlassen worden, die dieseBeschrankung einscharfiten. 
Kaum von Nertschinsk zuruckgekehrt, reichten aber die Jesuiten, 
an ihrer „do ut des* Maxime stets festhaltend, ein von Pereyra 
unterschriebenes Gesuch um Aufhebung jenes Verbotes beim 
Kaiser ein. Aber der Rat des Ritus (Ly-pu) hielt an dem 
obigen Dekret fest, und der Kaiser bestatigte es daraufhin am 
7. Marz 1692 von neuem. Der personiichen Einwirkung des fur die 
Friedensverhandlungen bevolimachtigt gewesenen Prinzen Sosan 
gelang es jedoch dadurch, daB er alle Glieder des Tribunals 
einzeln fur sich gewann, diesen BeschluB umzustoBen und schon 
am 20. Marz desselben Jahres einen neuen zu erwirken, der den 
Chinesen das Betreten der christlichen Kirchen gestattete. In 
diesem neuen ErlaB, durch den die Zahl der chinesischen Christen 
schnell wuchs, war besonders auch der Verdienste der Jesuiten 
um den Staat gedacht. 

Noch im Herbst des Jahres 1689 und im folgenden Fruh- 
ling wurden die Bestimmungen des Vertrages von Nertschinsk 
ausgefiihrt. Beuthen verlieB Albasin, das von den Chinesen 
geschleift wurde. Spater wurde dort zwar wieder eine Nieder- 

2* 



20 



lassimg gegrundet, sie ist aber niemals zur Bedeutung der 
fruheren gediehen. Noch heute erkennt man die Reste der 
alten Befestigungen. In seiner Reisebeschreibung nDurch die 
Mandschurei und Sibirien" erzahlt Zabel, wie die jetzt durch 
Ost-Sibirien reisenden Russen den Amurdampfer verlassen, um 
diese historischen Statten aufzusuchen und an den Denkmalem 
Tolbusins und Beuthens sich der heutigen Erfolge zu erfireuen, 
die jenen trotz alter Tapferkeit nicht beschieden waren. Am 
Argun wurde die russische Ansiedlung zwei Werst imterhalb 
des bisherigen Ortes in ungunstigerer Lage am westlichen Flufi- 
ufer wieder aufgebaut. Das Land an dem ZusammenfluB der 
Schilka und des Argun bis zur Einmundung der Seja blieb lange 
Zeit wust und unbewohnt. Nur selten schlugen nomadisierende 
Tung^senstamme dort ihre Zelte auf, und i6o Jahre hat es ge- 
dauert, bis Nevelskoi in Verbindung mit den Bestrebungen Mu- 
rawiews, des Wiederbegrunders der russischen Macht am Amur, 
mit dem FluBhafen Nikolajesk von neuem eine russische Nieder- 
lassung in diesem Gebiet schuf. Auf das den Chinesen beim 
AbschluB des Vertrages zugestandene Recht, die festgesetzte 
Grenze mit Pfahlen zu bezeichnen, verzichteten sie und be- 
^schrankten sich darauf, alljahrlich den Amur und Argun auf- 
warts die Einhaltung derCrenzlinie zu revidieren. Dann errichteten 
die Grenzkommissare an der Mundung des Gorbitzafiusses und 
an der Stelle, wo fruher der russischs Ostrog am Argun ge- 
standen hatte, birkene Pfahie, auf denen sie den Tag der Re- 
vision bezeichneten.* Golowin befestigte vor seiner Ruckkehr 
nach Rufiland Nertschinsk durch holzerne Bauten und liefi dort 
sowohl wie in Werchne Udinsk imd Selenginsk Kosakenbesatzungen 
zuruck. Seine Laufbahn wurde noch eine sehr glanzende. Er 
begleitete 1697 den Zaren mit Lefort nach Holland, England^ 
Deutschland und Oesterreich und wurde spater Feldmarschall, 
General- Admiral und Minister der auswartigen Angelegenheiten. 
Erst im Vertrage von Aigun vom 16. Mai 1858 wurde von den 
Russen wieder gewonnen, was ihnen im Ve^age von Nertschinsk 
verloren ging. Murawiew erreichte damals die Abtretung des 
linken Amurgebietes, durch die die Macht der Chinesen auch auf 
dem rechten Ufer des Flusses im wesentlichen gebrochen wurde. 



/ 



* Abbildung bel Kohn und Andree. II, 9. 



21 



Allerdings bemuhte sich schon Peter der GroBe, die im 
Nertschinsker Prieden erhaltene politische Schlappe dadurch zu 
mildern, dafi er China dem russischen Handel zu eroffnen suchte. 
Diesem Zweck dienen in erster Linie die in den nachsten 40 bis 
50 Jahren an den Pekinger Hof abgefertigten Gesandtschaften. 
Er hatte die Absicht, neben dem von Kaufleuten teils auf dem 
von Baikow vorgezeichneten Wege durch die Mongolei, teils 
uber Tomsk, Krasnojarsk und den Baikalsee betriebenen Privat- 
handel regelmafiigen russischen Kronkarawanen in Peking Ein- 
gang und Absatz zu verscha£fen. Der Verwirklichung dieses 
Gedankens diente zunachst die bald nach der Ruckkehr Golowins 
von Moskau abgeschickte Gesandtschaft unter dem in Gluckstadt 
geborenen Kaufinann Eberhard Isbrand Ides, der in Archangel 
russischerKommerzienrat war. Aufierdem soUte durch sie dieGrenze 
bei Ochotsk, deren Festlegung man 1689 hinausgeschoben hatte, 
genau bestimmt, die Rucksepdung entlaufener Tungusen imd die 
Grundung einer griechisch-russischen Kirche in Peking fur die 
im Amurgebiet gefangenen oder freiwillig zu den Chinesen 
ubergetretenen Russen durchgesetzt werden. Nach seiner Ruck- 
kehr soUte Ides 6000 Rubel dafur erhalten. Diese Gesandtschafts- 
reise ist sowohl von ihrem Fuhrer wie von einem seiner Begleiter, 
dem Preufiischen Hof- und Kommerzienrat Adam Brand ausLubeck 
beschrieben worden. Der Bericht von Ides ist dem Umfange 
nach ausfuhrlicher. In seiner im Druck erschienenen Publikation 
aber verschweigt er die gerade fiir uns wichtigsten Dinge fiber 
den Mifierfolg seiner Sendung, ebenso wie Brand in den ersten 
Auflagen seines Buches die ihnen widerfahrenen Demutigungen 
unerwahnt laSt. Man durfte darin den EinfluB I^eters des GroBen 
oder die Rucksicht auf ihn um so eher erkennen, als im Original- 
bericht Isbrands, der im Reichsarchiv in Petersburg sich befindet, 
nichts verschwiegen ist, und Brand in seiner nach Peters des 
GroBen Tode erschienenen dritten Auflage* sich offen auch 
fiber die Mifierfolge der Mission auslaSt. Ich folge daher im 
weiteren dieser Edition, bei Jderen Veroffentlichung er nach eigener 
Angabe unter anderen vom Hofprediger Jablonski in Berlin und 
dem Prasidenten der Berliner Akademie der Wissenschaften 
von Printzen unterstfitzt worden ist. Diesem unterbreitete er 



* LQbeck 1734. 



22 



auch den Vorschlag, in Konigsberg ein „persiamsches Kom- 
merzium** (Konsulat) einzurichten, zu dessen Vorsitzenden er 
gewahlt wurde. Auch sollte er im Auftrage Friedrichs I. eine 
Gesandtschaft an den Schah von Persien fuhren, uber derea 
Vorbereitungen der Konig starb.* 

Am 13. Marz 1692 brachen Isbrand und Brand, nachdem sle 
vorher von beiden Zaren zum HandkuB zugelassen waren, in 
Begleitung von zwolf Deutschen, neun Rnssen und einem Arzt, 
mit Apotheke, Bagage und Proviantwagen versehen, von Moskau 
auf. Wahrend heute der Haupthandelsweg uber Nishnijnowgorod, 
Kasan, Perm, iiber den Ural nach Jekaterinenburg imd von dort 
nach Tjumen fuhrt, folgen sie der nordlichen StraBe, die die 
Kaufleute nach Archangel zu benutzen pflegten, uber Wologda 
nach Solwytschegodsk, wahrscheinlich weil diese dem Archan- 
geler Kaufherrn bekannt war, und gehen von dort sudostlich uber 
Kai mit Benutzung des oberen Laufs des Kamaflusses uber den Ural 
und uber Tjiunen nach Tobolsk, wo sie am i. Juli anlangen. 
Von hier benutzen sie, wie die meisten Reisenden, soweit es 
irgend angangig ist, die Flufilaufe, die sowohl schiffbar als auch 
zugefroren das bequemste Fortkommen bieten, wahrend die an 
sich kurzeren Ueberlandfahrten auf schlecht^n Strafien oder durch 
die Wildnis mit unendlichen Schwierigkeiten verknupft waren. 
Nach zehnwochentlichem Aufenthalt in Jenisseisk kommen sie 
mit teilweiser Benutzimg des FluBlaufes der Angara oder oberen 
Tunguska am ii.Februar 1693 in Irkutsk an. Sie haben also 
von Moskau elf Monate gebraucht. Die gleiche Strecke legte 
einschlieBlich aller Aufenthalte der Reisende Joest** mit Wagen, 
Schiff und Bisenbahn uber Krassnojarsk und Tomsk in einem 
Monat, R. Zabel*"*"* im Jahre 1901 mit der sibirischen Bahn in 
acht Tagen zuruck. Dabei iahrt der Luxuszug in einer 
Stunde nur 25 km. Joest rechnet aus, dafi er mit dem Wagen 
einen Monat lang durchschnittlich taglich 225 km hinter sich 
gebracht hat, eine im Verhaltnis zur Geschwindigkeit der Bahn 



* Ueber die verschledenen Ausgaben von Isbrand und Brand Yergl. Johann 
Beckmann, Literatur der alteren Reisebeschreibuns^en. Gdttin^en 1809. S. 446 
bis 471. 

** Vergl. Wilhelm Joest, Aus Japan nach Deutschland durch Sibirieo. 
Kdln 1883. 

*** Durch die Mandschurei und Sibirien. Leipzig 1902. 



^3 

sehr anerkennenswerte Leistung, die zeigt, wie schnell der 
nissische Jamtschtschik, allerdings ohne Rucksicht auf seine 
Pferde, fahren kann, wenn er will. Nach der Ueberfahrt fiber 
den Baikalsee kamen sie, von Werchne-Udinsk nicht die ubliche 
HandelsstraBe nach Selenginsk und Kjachta verfolgend, fiber 
Jerawinsk nach Nertschinsk, wo sie, um ihr durch die Dfirre 
der Steppen arg mitgenommenes Vieh sich erholen zu lassen, 
acht Wochen lang rasteten. Die dort wohnenden Kosaken sind 
wegen des zoUfreien Handels mit China sehr reich. Die Russen 
wurdendaher auch von demWoiwoden glanzend aufgenommen und 
bewirtet. Unmittelbar vor ihrer Abreise von Nertschinsk trafen 
am 1 8. Juli zwei Kosaken des von Isbrand schon von Irkutsk aus 
am 15. Februar nach der chinesischen Grenzstadt Naun am Nonni- 
flufi abgesandten Kuriers Kurdikoff bei ihnen ein. Sie brachten 
die Nachricht, man hatte ihnen in Naun die Fortsetzung der 
Reise nach Peking nicht gestattet. Die die Ankunft des Ge- 
sandten anzeigenden Briefe seien ihnen abgenommen und nach 
der Residenz gesandt worden. Daraufhin sei von Peking aus 
ein chinesischer Mandarin mit groBem Gefolge beauftragt wor- 
den, Isbrand in Naun zu erwarten. Von Nertschinsk kam die 
Gesandtschaft nach Ueberschreitung der Schilka an den Argun- 
flufi und durchquerte nun die Mandschurei, begleitet von einer 
Menge russischer Edelleute und Handler, die sich ihrer Kara- 
wane angeschlossen hatten und mit Pelzwerk nach China han- 
delten. Unterwegs stiefien sie auf eine andere Karawane von 
150 Kaufleuten, die ihnen meldete, der Gesandte wfirde von 
den Chinesen mit Sehnsucht erwartet. In der Tat vollzog sich 
auch die Aufnahme Isbrands in den angenehmsten Formen, die 
in starkem Gegensatz stehen zu der Art und Weise, mit der man 
anderthalb Jahrhunderte spater im Jahre 1858 den russischen 
Gesandten Grafen Paliatine behandelte. Als er an der Paiho- 
mfindung den Bescheid erwartete, ob er zu weiteren Verhand- 
lungen nach Peking kommen sollte, wurde ihm die Weisung, er 
mochte die Antwort in Kiachta abwarten! Am 31. August stiefi 
der Kurier Kurdikoff zur Karawane und am Tage darauf kam 
nicht nur ein Abgesandter des Mandarinen, um sich nach der 
Gesundheit Isbrands und seines Gefolges zu erkundigen, sondem 
auch ein Hauptmann mit zehn Mann und allerlei Lebensmitteln, 
wofur Isbrand sich mit Geschenken an den Mandarinen erkennt- 



lich zeigte. Als sie seinen Besuch einige Tage darauf erwiderteo, 
wurden sie von ihm mit einem Geleit von 80 Personen in glan- 
zender Weise eingeholt, gut beherbergt und verpflegt. Bei dem 
Festmahl, das ihnen zu Ehren gegeben wurde, bekamen sie 
unter anderen Genussen die ihneq unbekannten Makkaroni. 
Brand berichtet liber den sonderbaren Eindruck, den dieses 
Essen und die Art, die ihnen so merkwurdigen Nudeln zu ver- 
speisen, auf ihn und seine Begleiter gemacht hat. Sie erhielten 
,ieine Suppe, in welcher Weizenmehl als Darme ganz dunn und 
lang zugerichtet war, zu welchem Tractament sie einander ziemlich 
n5tigten und nicht daran woUten, denn ob man gleich allerhand 
Mittel ersonnen, selbige zu geniefien, so war doch alles umsonst. 
Allein des Adogeda (Mandarinen) beide Schreiber waren in 
dieser Kunst uberaus wohl erfahren, indem sie solche in Ge- 
schwindigkeit dem Mimde einverleiben und geniefien konnten, 
so uns ein g^roBes Plaisier anzusehen war. Ihre Tranchierinstru- 
mente waren zwei knocherne Stabe, so sie anstatt eines Messers 
und Gabels gebrauchten. Mit selbigen knupften sie die aus 
vorgedachtem Weizenmehl zugerichteten Gedarme zusammen, 
nachmals hielten sie den Mund uber die Schussel und bissen 
einen Mund voU ab, das ubrige lieBen sie wieder in die Schussel 
fallen.** Die eigenartig zusammengestellten Geschenke, die Isbrand 
dem Mandarinen ubergab und die dieser wegen eines kaiserlichen 
Verbots nur ungem und auf Zureden annahm, waren zehnZobel- und 
funfzig Hermelinpelze, funf Ellen schwarzes Tuch, ein Spiegel mit 
vergoldetem Rahmen, eine Flasche Aquavit mit Futteral dazu, 
etliche Stiicke Goldleder, drei WalroBzahne und verschiedene 
Augsbiurger Waren mit Uhrwerk. Nach vierzehntagigem Auf- 
enthalt brachen die Russen unter sicherer Eskorte und reich mit 
Lebensmitteln versehen — nur Brot entbehrten sie sehr — , nach 
Peking auf, wo sie, uberall freundlich aufgenommen, uber 
Kalgan am 3. November 1693, also ein Jahr und acht Monate 
nach dem Aufbruch von Moskau eintrafen und im Gesandtschafts- 
hause abstiegen. Die Verhandlungen liber die Ueberreichung des 
Beglaubigungsschreibens und der Geschenke nahmen die ersten 
Tage in Anspruch. Sie zeigen, wie es den chinesischen Diplo- 
maten durch fortwahrendes Hin und Her gelang, einerseits die 
Absichten des russischen Gesandten zu hintertreiben, andrerseits 
ihren Willen diurchzusetzen. Zuerst verlangte man von ihm zu 



^5 

wisseo, welches der Zweck seiner Mission und der Inhalt seines 
Kreditivs sei. Die Auskunft daruber verweigerte Isbrand bis 
zur Audienz beim Kaiser. Drei Tage darauf wurde er mit 
seiner Begleitung zur Bewillkommnungsmahlzeit an den Hof 
geladen, wo er mit seinen Begleitem von dem Vizekonig und 
Neffen des Kaisers Dorjamba und noch vier anderen sehr hohen 
Wurdentragem empfangen wurde. Man bewirtete sie mit kalter 
Kuche, Wein und einem warmen alkoholischen Getrank aus 
Reis und 'bedeutete ihnen, dafi sie darin ein g^rofie Gnade der 
kaiserlichen Majestat zu sehen batten. Gieichzeitig wurde ihnen 
mitgeteilt, dafi sie in den nachsten Tagen die Aufibrderung zur 
Audienz erhalten wurden. Ehe es aber dazu kam, erschien der 
Mandarin, der Isbrand bisher geleitet hatte, mit einem zweiten 
Mandarinen und einem Sekretar mit neuen Fragen. Man wollte 
wissen, ob sie von Moskau oder von einer Grenzstadt abgeschickt 
seien, ob das Siegel auf dem Beglaubigungsschreiben von Wachs 
ware, ob an dem Rande des Briefes Namen und Titel des Zaren 
angegeben seien, ob Namen und Stand des Gesandten darin 
vermerkt sei, imd ob der zuletzt von Rufiland an den Pekinger 
Hof geschickte Gesandte noch lebe. Als wiederum drei Tage 
spater der Vizekonig Isbrand zur Besprechung einiger weiterer 
Punkte zu sich bitten liefi, erklarte dieser, er konne sich person- 
lich vor der Audienz beim Kaiser in keine Verhandlimgen mehr 
einlassen, wolle aber seine Leute schicken. Diesen hiek der 
Unterkonig vor, der Gesandte durfe sich dem im Lande liblichen 
Zeremoniell ebenso wenig widersetzen als es eine chinesische 
Abordnung in Rufiland tun wurde. Am Abend desselben Tages 
bekam Isbrand die Nachricht, die Audienz stehe unmittelbar 
bevor, und er solle sich zum Erscheinen vor dem Kaiser vor- 
bereiten. Am 14. November wurde er in feierlichem Zuge von 
drei Mandarinen abgeholt und von den ersten Wurdentragem, 
darunter dem Vizekonig Dorjamba, empfangen. Der Kaiser er- 
schien nicht, doch wurde versprochen, ihm das Schreiben des 
Zaren, nachdem es ubersetzt sei, mit den G^schenken einzu- 
handigen. Kaum wieder in seiner Behausung angeiangt, erhielt 
der Gesandte den Besuch eines der Mandarinen, der ihm uber- 
mittelte, bei Hofe herrsche grofie Freude fiber den Zarenbrief 
und dem Gesandten solle die Ehre widerfahren, die noch keiner 
gehabt, unmittelbar nach Ueberreichung des Kreditivs wiedenun 



26 



von der kaiserlichen Tafel gespeist zu werden. Dies geschah. 
Um so grofier mufite daher Isbrands Verwunderung sein, als er, 
tags darauf wieder zu Hofe befohlen, das Schreiben sowohl wie 
die Geschenke mit dem Bemerken zuruck erhielt, der Kaiser 
konne es nicht annehmen, da sein Name hinter dem des Zareo 
stehe, was er als grofiter Monarch der Welt sich nicht bieten 
lassen diirfe. Vergeblich widersetzte sich Isbrand dem Ver- 
langen, den Brief und die Geschenke wieder mitzunehmen. Er 
wies darauf hin, dafi man der vorigen Gesandtschaft gestattet habe, 
was mauxihm jetzt verweigere, worauf der Vizekonig meinte, da- 
mals sei Krieg zwischen China und RuBland gewesen, und man 
habe Weitlaufigkeiteh vermeiden wollen, jetzt aber, da 
sie im Frieden und in nachbarlicher Freundschaft miteinander 
standen, liefie sich die Angelegenheit nur in diesem Sinne er- 
ledigen. Im ubrigen sei er selbst an dem Entschlufi seines 
Herrn unschuldig. Funf Stunden dauerten die Verhandlungen, 
wahrend deren der Kaiser durch die Vermittelung des Vize- 
konigs noch dreimal und vergeblich angegangen wurde, seine 
Ablehnung zuruckzunehmen und zu mildem. Auf die Frage 
Isbrands, ob der Kaiser ihm denn nicht ein Schreiben an den 
Zaren mitgeben woUe, und ob in diesem dann der Zar an erster 
Stelle genannt wurde, erhielt er den Bescheid, dafi es auch in 
diesem Falle bei der vom Kaiser beanspruchten Form bleiben 
wurde. Als Isbrand in hochster Erreg^ng erklarte, einen solchen 
Brief konne und woUe er nicht annehmen, wurde ihm mit aller 
Seelenruhe bedeutet, dafi ihm dann auch keiner mitgegeben 
werden konne. Das Schreiben wiirde unter alien Umstanden 
mit den Worten beginnen: nl<^h, Bogdegan (d. i. der Titel des 
Kaisers) schreibe von oben an den weifien Zaren**. ^Von oben" 
bedeutet «von oben nach unten**, das heifit in der einem Unter- 
v'tanen gegenuber ublichen Form. Die ubrigen Forde- 
rungen der Gesandtschaft, besonders die den Handelsverkehr und 
die Erbauung einer russischen Kirche betreffenden, wurden alle zur 
Zufriedenheit des Zaren erledigt werden. Zunachst erscheint es 
auffallend, dafi trotz dieser mehr als schroffen Abweisung gleich- 
zeitig die Aufforderung an Isbrand erging, zwei Tage spater 
mit seinen Offizianten zur Audienz beim Kaiser zu erscheinen. 
Wenn er nicht alle Verhandlungen abbrach und sofort ab- 
reiste, so liegt der Grund dafur vielleicht darin, dafi er immer 



^7 

noch auf eine Zunicknahme oder Milderung der kaiserlichen 
Forderung rechnete. Die Chinesen dagegen verfolgten bei der Be- 
willig^g der Audienz ohneFrage nur den einenZweck; dieGesandt- 
schaft denKotau vollziehen zu lassen, der fur die Chinesen das aufiere 
Zeichen der Unterordnung unter den Kaiser von China bedeutet. 
Auf das allerfreundlichste versprach daher der Vizekonig fur die 
nachsten Tage seinen Besuch beim Gesandten, um ihn und 
seine Begleiter in den Referenzen zu unterweisen, die sie vor 
dem Bogdegan machen mufiten. ^Er rekommandierte es aufs 
beste, dafi man solches wohl observieren mochte, damit beim 
Kaiser keine faute begangen wurde.** Als Isbrand dann sah^ 
worum es sich handelte — der Kotau bestand in einem neun- 
maligen Niederknien und Niederbiegen des Kopfes bis auf die 
Erde nach dem schon oben erwahnten Kommando — , gab es von 
neuem Meinungsverschiedenheiten. Doch auch jetzt gaben die 
Russen nach, ^traktierten" denVizekdnig und seinGefolge mit einer 
schonen Musik und entliefien ihn reich beschenkt. Am 17. No- 
vember wurde dann gelegentlich der Audienz der Kotau voU- 
zogen, worauf eine Bewirtung beim Kaiser stattfand. Durch 
Vermittelung des Jesuitenpaters Gerbilion, der wie Isbrand ita- 
lienisch konnte, lieB der Kaiser den Gesandten fragen, welchen 
Weg er von Moskau genommen, wie lange Zeit er zur Reise ge- 
braucht habe und anderes mehr. Nach derMahlzeit, die dreiStimden 
wahrte, verabschiedeten sich die Russen wieder mit dem Kotau. 
Auch als sie am nachsten Tage auf Befehl des Kaisers in ihrem 
Quartier bewirtet wurden, mufiten sie vor dem Essen zur Be- 
zeugung ihrer Ehrfurcht vor dem Kaiser ihr Haupt niederbeugen. 
Abgesehen von diesem Zwange war die Aufnahme sowohl bei 
Hofe als auch bei den Wurdentragern eine durchaus gastliche 
und freundliche. Auch in sein Komodienhaus liefi der Kaiser 
seine Gaste fiihren, wo sie mit Taschenspieler-, Jongleur- und 
Akrobatenkunsten unterhalten wurden. Von den Jesuiten wurden 
sie auf Veranlassung des Kaisers in ihr im italienischen Stil ge- 
bautes, prachtiges Kloster eingeladen, in dem 3000 Menschen 
Platz hatten. Nach der Besichtigung derKirche wurde mit herr- 
lichem Wein auf das Wohl aller furstlichen Potentaten getrunken. 
Vor der Abreise, die am 19. Februar 1694 erfolgte, erhielt der 
Gesandte wie seine Begleiter reiche Geschenke. Einen Brief 
vom Kaiser an Golowin mitzunehmen weigerte er sich, da 



28 



er keinen Brief an den Zaren erhalten habe. Bis Naun warden die 
Russen wieder von einem Mandarin geleitet und verpflegt, von dort 
ab miifiten sie auf eigene Kosten reisen. Es schlofi sich ihnen 
aber ein vom Kaiser von China an den russischen Gouvemeur 
von Nertschinsk von Mergen aus abgefertigter Gesandter mit 
loo Mann an, so dafi sie im ganzen 500 Mann stark waren. 
Am 2. Juni trafen sie in Nertschinsk ein. Der chinesische Ge- 
sandte schickte vofi dort aus zwei Boten an den Zaren, um 
diesem die Riickkehr seiner Gesandtschaft anzuzeigen. Der 
Hauptzweck seiner Mission war aber, von dem Gouvemeur die 
Bestrafung von vier russischen Untertanen zu verlangen, die auf 
chinesischem Gebiet Zobel gefangen hatten. Er forderte ihre 
sofortige Hinrichtung. Da der Woiwode diese ohne Geneh- 
migung seines Herrschers nicht zusagen konnte, drohte der 
Chinese mit einem Heereszuge gegen Nertschinsk und dessen 
voUiger Zerstorung. Daher mufiten die Russen auch hier nach- 
geben imd die Hinrichtung wurde voUzogen, Nach vierwochent- 
iichem Aufenthalt brach die russische Gesandtschaft von Ner- 
tschinsk auf und gelangte nach sieben Monaten wohlbehalten 
am I. Februar 1695 in Moskau an. 

Die nun folgenden Jahre vergingen, ohne daB die amtlichen 
Beziehungen zwischen den beiden Reichen wieder aufgenommen 
wurden. Man kummerte sich wenig oder garnicht um einander 
und lieB die gegenseitigen Beschwerden uber die russischen 
Kaufleute und die Belastigungen von Seiten der chinesischen 
Beamten unberucksichtigt, bis Kanghi, veranlafit durch eine Ge- 
sandtschaft an den Kahnucken-Khan Ajuka, die Verhandlungen 
mit Rufiland wieder aufhahm. Diesen woUte er zu einem Straf- 
z^g^ gegl^Q die unbotmafiigen Songaren bestimmen. Da er aber, 
im Gebiet der unteren Wolga bei Saratow ansassig, imter russi- 
scher Oberhoheit stand und die Gesandten durch russisches Ge- 
biet gehen mufiten, holten sie von Selenginsk aus die Erlaubnis 
des Zaren dazu ein. Sie wurde ihnen ohne weiteres gewahrt. 
Denn Peter dem Grofien lag durchaus daran, in gutes Einvemehmen 
mit dem Pekinger Hof zu kommen. DaB dieser nach der Zeit 
der Entfremdung das gleiche Bestreben hatte, geht aus der In- 
struktion hervor, die die chinesischen Abgesandten fur den Fall 
erhielten, dafi der Zar ihre Vorstellung wunschen wurde. „Wenn 
bei eurer Reise oder auf eurem Ruckwege der russische Zagahn 



Chan (weifier Chan) euch zu sehen wunscht und seine Leute 
nach euch sendet, so reiset unverzuglich zu ihm. Bei der Zu- 
sammenkunft aber verfahret so, wie die dortige Gewohnheit es 
verlangt. Seid ihr vor ihm und er fragt euch, was ihr hoher 
achtet denn alles, so antwortet: Dafi unser hochstes Achten oder 
tunser Staatsglaube in Treue bestehe gegen den Herrscher, in 
Gehorsam gegen die Eltem, in reinem Gewissen, in Erkennitnis v^ ' '* 
von Recht imd Wahrheit und in redlichem Bewahren seines 
'gegebenen Wortes . . . ." Femer soUten sie dem Zaren sagen, 
man habe in China gehort, dafi er mit seinen Nachbam Krieg 
zu fuhren habe. £r moge sein Heer ohne Besorgnis um einen 
chinesischen Angriff vollstandig zur Niederwerfung seiner Feinde 
verwenden. Sollte der russische Herrscher ,schweres Geschutz 
und andere ferntreffende Maschinen* von ihnen fordem, so 
soliten sie s'olche Forderung mit dem Hinweis ablehnen, 
dafi der Transport solcher nach Rufiland mit sehr grofien 
Schwierigkeiten verknupft sei und sie, zur Uebernahme 
irgend welcher Auftrage nicht befugt, sich ausschliefi- 
lich auf ihre Mission zum Ajuka Khan beschranken mufiten. 
Wenn ihnen kostbare Sachen gezeigt wurden, so soliten 
sie weder Staunen noch Verachten zeigen, sondem nur sagen, 
dafi einiges von diesen seltenen Dingen auch in ihrem Reiche 
zu haben sei, anderes nicht. Geschenke, die man ihnen anbiete, 
soliten sie nicht sogleich annehmen, sondem erst nach zwei- 
oder dreimaligem Notigen, und anderes mehr. Die chinesische 
Gesandtschaft wurde auf Befehl des Zaren von einem ruQsischen 
Offizier geleitet und in Tobolsk auf der Heimreise vom Gouver- 
neur gastlich bewirtet. Dieser gab ihr den Archimandriten 
Ilarion und andere geistliche Personen mit, die am 20. April 171 5 
in Peking ankamen und dort ausgezeichnet aufgenommen wurden. 
Man verlieh dem russischen Pralaten die Wurde eines Staats- 
beamten von der funften Klasse und stellte seine Unterpriester 
und Diener dem chinesischen Militar gleich. 

Neue Beziehungen zwischen den beiden Reichen ergaben 
sich durch die von Kanghi an den russischen Gouverneur in 
Sibirien ausgesprochene Bitte, ihm einen russischen Arzt zu 
senden. Peter nahm sich selbst dieses Anliegens an und schickte 
ihm den englischen Arzt Garwin, dessen Sendung er zur Ab< 
fertigung einer Mission an den Pekinger Hof unter Fuhrung des 



30 . 

Schweden Lorenz Lange benutzte, den er in Berlin in Sprachen 
und Wissenschaften hatte ausbilden lassen. Langes Sendung 
hatte keinen bestimmten diplomatischen Zweck. Er soUte sich 
nur auf der Reise und in Peking selbst uber Land und Leute 
unterrichten. Am i8. August 17 15 brach er mit Garwin von 
Petersburg und am 23. Dezember desselben Jahres von Moskau 
auf. Dreimal so schnell wie Brand erreichten sie am 
27. Januar 17 16 Tobolsk. Wahrend die Brandsche Expedition, 
um den Flufilauf des Ob benutzen zu konnen, bis Samarowsk 
am Zusammenflufi des Ob und Irtysch diesen hinunter gefahren 
war, geht Lange flufiaufwarts bis Tara und von dort im Schlitten 
durch die Barbarinsksteppe nSrdlich des alten sibirischen Trakts 
und der heutigen Eisenbahnlinie bis an den Flufi Tom und auf 
diesem noch zwei Tage bis Tomsk. Von hier gelangen sie teils 
zu Wasser, teils auf Landwegen am 18. Juli uber Jenisseisk 
nach Irkutsk, von wo sie ihre Passe an den Vizekonig der 
Mongolen, nach Urga schicken, damit er ihre bevorstehende 
Ankunft dem Kaiser von China kund tue. Nach der Ueberfahrt 
uber den Baikalsee lassen sie sich den SelingafluB hinaufziehen, 
setzen den Weg aber, da diese Beforderung zu langsam geht, 
zu Pferde fort und kommen am 14. August nach Selenginsk, der 
damals letzten russischen Stadt, von wo sie wiederum einen 
Boten mit der gleichen Bitte wie von Irkutsk an den Tschuchetu- 
Chan nach Urga schicken. Erst am 2. Oktober kommt ein chine- 
sischer Mandarin im Auftrage des Kaisers von China an, der sie 
empfangen und auf der Weiterreise bis Peking mit Vorspann- 
pferden und Lebensmitteln versorgen soil. Von hier geht es 
durch die grofie mongolische Wiiste bei grofier Kalte und so 
unertraglichem Holz- und Proviantmangel, dafi sie mit Pferde- 
mist heizen und Fleisch von verendeten Pferden essen mufiten. 
Nach einem Monat erreichen sie am 6. November die chinesische 
Mauer. Da hier die direkten und personlichen Beziehungen mit 
den chinesischen Stadtkommandanten und Mandarinen beginnen, 
andererseits aber der gedruckte Langesche Bericht sowohl in 
Webers „Verandertem RuBland" als auch in der franzosischen 
Wiedergabe in der „Recueil de voyages au nord* sehr stark ver- 
kiirzt ist, will ich mich fur das folgende wortlich an die Dar- 
stellung Langes halten. Er sagt: „Nachdem wir nun diese 
Mauer passierten, stunden bei der Pforte an der rechten Seite 



3' 

y — g Officiers in damastenen Kleidem, sehr propper angekleidet, 
die uns sebr hoflich empfingen und zu sich in das Corps de 
garde notigten auf eine Schale Thee und eine Pfeife Taback, 
welches allezeit bei den Chinesen das erste Compliment ist. Zur 
linken Hand sahen wir beinahe 30 Mann Soldaten in einer ge- 
raden Linie neben einander stehen mit ihren Sabeln auf der 
einen und Pfeil und Bogen auf der anderen Seite, welche nach 
dem chinesischen Gebrauch ins Gewehr stunden. Da wir nun 
dieser OfBciers ihre Hoflichkeit acceptiert und ein wenig bei 
ihnen gesessen hatten, reiseten wir noch eine halbe Meile weiter 
bis an die Stadt Calgan, allwo uns der Mandarin, welcher Kom- 
mandant in der Stadt war^ in unserem Quartier eine Visite gab 
und bei sich zur Mittagstafel notigte. Deswegen wir uns gleich 
zu Pferde setzten und ihm bis an seine Behausung folgten. So- 
bald wir vor's Haus kamen, sahen wir auf dem Hof etliche 
Musikanten stehen, durch welche er uns mit einer Musike, welche 
in Pauken, Trompeten und anderen nach ihrer Art gemachten 
Instrumenten bestimden, bewillkommnete. Da wir durch diesen 
Hof passiert waren, kamen wir in einen anderen, allwo vor 
seinem Hause noch andere Musikanten stunden, die uns gleich 
wie die vorigen durch ihre Musike eine Ehre anthaten. Da wir 
nun von den Pferden abgestiegen, notigte er uns in einen Saal, 
welcher mit schonen Tapesserien au& ^este beschlagen war. 
In demselben prasentierte er uns eine Schale Thee mit Milch 
und gerostet Mehl gekocht und dabei eine Pfeife Taback. Gleich 
darauf wurden zwei Tafeln herein gebracht und bei jeden zwei 
Stuhle gesetzt. Bei der ersten Tafel setzte er sich selbst mit 
dem Doktor und bei der anderen notigte er mir nebst dem 
Mandarin, welcher uns dahin convoyiert hatte, zu sitzen, gleich 
darauf wurde Essen aufgetragen, welches bestund in gekocht 
Schweinefleisch, klein geschnittenem SchafiSeisch und Reis, dabei 
wurde in kleinen Porcellaine Schalen mit salzig Wasser und ein 
Paar aus schwarzem Ebenholz geschnittenen Stockerchens einem 
jedem vorgelegt, mit welchen er uns zu essen notigte. Unter 
wahrender Mahlzeit wurde zu imterschiedlichen Malen warm 
gemachter Branntwein und Tarasum, welches bei ihnen ein 
Getrank von unreifem Reis gemacht ist, herumgetragen. Nach- 
dem wir von den ersten Speisen etwas gegessen hatten, wurden 
gebratene Huhner, Ganse und Enten aufgetragen, welche in 



3^ 

unserer Praeseoce von einem seiner Bedienten klein geschnitten 
und dann aufgesetzet wurden. Da wir nun auch von denselben 
zur Genuge gegessen hatten, wurden die Speisen mit samt den 
Tischen wieder hinaus getragen, wir aber wurden noch nach 
der Maiilzeit mit Thee und einer Pfeife Taback traktiert. Nach- 
dem nun dieses vorbei war, dankten wir dem Mandarin vor die 
uns erwiesene Hofiichkeit und verfugten uns nach unserem 
Quartier, allwo wir einen Kurier vor uns fanden, der von dem 
Gouvemeur von Peking auf Befehl des Kaisers ausgesandt war, 
imi zu vemehmen, wo wir waren, welcher uns berichtete, dafi 
der Kaiser schon lange unser erwartete, und ware auf den 
Mandarin etwas ungehalten, weil er so lange mit uns wegbliebe. 
Der Mandarin aber, um des Kaisers Ungnade zu evitieren, schob 
die ganze Schuld auf uns, sagend, dafi wir das langwierige 
Reisen nicht gewohnet waren, womit der Kurier wieder zuruck 
nach Peking ging. Von dieser Excuse, die er gethan hatte, 
war uns nichts bewufit, sondern wir merketen, dafi ihm dieser 
Kurier etwas mufite berichtet haben, das ihn zu einer geschwin- 
deren Reise antrieb, weil er den anderen Morgen, als am 7 ten, 
liber seiner vorigen Gewohnheit sich vor Tage mit uns zu Pferde 
setzte und von dieser Stadt mit uns wegreisete. Als wir ihn 
auf der Reise frugen, was Ursache er diesen Morgen so fruhe 
aufgestanden, antwortete er uns, dafi er mit dem Kurier von 
dem Kaiser Ordre erhalten, aufs geschwindeste mit uns nach 
Peking zu kommen, weswegen wir denselben Tag bis in die 
sinkende Nacht reiseten und bekamen imser Nachtlager in einer 
sehr grofien Stadt Tschang-Pinchu genannt, allwo an der Strafie, 
da wir vorbei passierten, ein Theatrum stund, auf welchem eine 
Commedie gespielet wurde** Nach einigen weiteren Tagereisen 
kamen sie in die I'/a Stunden westlich von Peking gelegene 
Stadt Tzantschujenne , in der der Kaiser in einem Lustschlofi 
residierte. Gleich nach ihrer Ankunft wurden sie, ohne dafi 
ihnen zur Sauberung Zeit gelassen wurde, zu ihm befohlen. 
Dort mufiten sie auf einem Platze des Schlosses, von Hunderten 
neugieriger Personen umgeben, die weiteren Befehle des Herr- 
schers abwarten. ,Sie waren auch so unhofilich, dafi uns der 
eine an der Perrucke zog, um zu sehen, wie die beschaflfen, der 
andere an dem Hute, einige huben den Rock auf, um die Hosen 
und Stnimpfe zu besehen, in summa wir stunden da gleich ein 



33 

paar Spectacul, fiber welche sich die ganze Welt verwundert.* 
Aus dieser wenig angenehmen Lage befreiten sie die beiden 
Jesuiten Stumpf und Parrenin, die sie auf Veranlassung des 
Kaisers fragten, wie lange sie von Europa unterwegs gewesen 
waren und wie sich der Zar befande. An den Arzt wurden 
dann noch einige medizinische, an Lange verschiedene Fragen / 
fiber den russisch-schwedischen Krieg gerichtet. Darauf erhielten 
sie heiBen Thee, bei dessen Darreichung der Kaiser ihnen sagen 
liefi, es sei derselbe, den er zu trinken pflege. Ffir den Abend 
wurden sie auf kaiserlichen Befehl mit den Jesuiten vom Gou- 
vemeur der Westtartarei eingeladen. Am nachsten Morgen 
erschienen vor Sonnenaufgang zwei Mandarinen mit der 
Nachricht, der Kaiser sei schon aufgestanden und erwarte die 
russischen Gesandten. Sie beeilten sich dem Befehle sofort 
nachzukommen, mufiten dann aber, im Vorzimmer von einem 
Kammerherrn empfangen, bis 2 Uhr nachmittags warten, 
bis der Kaiser seine Regieningsgeschafte erledigt hatte. 
Vom Gouvemeur, der sie den Abend zuvor bewirtet hatte, 
gefragt, ob sie selbst Verlangen trfigen, den Kaiser zu 
sehen, antworteten sie, ihnen konne in einem von Europa 
so weit entfernten Lande keine g^ofiere Ehre widerfahren 
als einem so groBen Monarchen ihre Reverence zu machen. Im 
Beisein der beiden genannten Jesuitenpatres traten sie dann vor 
den Kaiser, vollzogen den Kotau und wurden danach auf die 
linke Seite des Thrones gefuhrt, wo sie auf Kissen niederknien 
mufiten. Durch Vermittelung des Kammerherrn liefi sich der 
Kaiser nach ihrer Reise und nach dem Gesundheitszustand ihres 
Herrschers erkundigen; sie gaben ihre Antworten durch die 
verdolmetschenden Jesuiten. Auf die Frage, ob ihnen in den 
engen und kiurzen Kleidern nicht zu kalt ware, antworteten sie, 
dafi ihnen die Kalte in diesem Lande nicht unertraglich vor- 
kame, weil es in Rufiland viel kalter sei und sie sich durch 
Pelze dagegen zu schfitzen gewohnt seien. Darauf liefi ihnen 
der Kaiser zwei damastene Gewander mit weifiem Fuchspelz 
uberziehen und forderte den Doktor auf, ihm den Puis zu ffihlen. 
Dieser gab die Auskunft, „dafi er nichts anderes daraus spfiren 
kdnnte als dafi sich Ihro Majestat recht wohl befanden, doch 
kdnnte er wohl daraus merken, dafi Ihro Majestat nicht ohne 
viele Gedanken und Sorgen lebten". Diese Antwort gefiel dem 

Krief^er, Rostisch-Chinesische Politik. 3 



34 

Kaiser recht gut. Sie wurden darauf entlassea und im Vor- 
zimmer mit den Jesuiten von des Kaisers Tafel gespeist. 
£r envies ihnen die Aufmerksamkeit durch einea Kammer- 
diener fragen zu lassen, wie ihnen die Speisen gefielen. Der 
Augenschein iiberzeugte diesen, dafi es ihnen wohl schmecke, 
obschon sie anfangs mit den chinesischen Stabchen nicht zurecht 
kommen^ konnten. Ehe sie den Palast verlieBen, iibermittelte 
der Dominikaner Parrenin ihnen folgende uberaus huldvoUe und 
freundliche Worte des Herrschers: „Ihro Majestat der Kaiser 
von China und erster Konig auf der ganzen Welt, lafit ihnen 
sagen, es ware demselben wohl bekannt, dafi sie in diesem von 
Europa so weit entfernten Lande Frentdlinge waren, die weder 
. des Landes Gebrauch noch Sprache verstunden, allein sie soUten 
^ sich fiber nichts gramen, weil sie Ihro Majestat nicht wie Fremd- 
linge, sondem wie ihre eigenen Kinder annehme." Kaum waren 
sie in ihrem Quartier angelangt, als wiederum ein Bote vom 
Kaiser mit schonen Fruchten kam und in seinem Auftrage die 
Frage an sie richtete, ob sie wahrend ihres Aufenthaltes in 
Peking ihre eigenen Kleider oder chinesische Tracht tragen 
woUten. Da sie die Entscheidung darfiber dem Kaiser fiber- 
liefien, schickte er ihnen zwei Gewander mit allem Zubehor, und 
sie liefien ffir die vielfaltige Gnade, mit der sie fiberhauft 
wurden, ihren demfitigsten Dank aussprechen. Am nachsten 
Tage liefi er fragen, ob sie irgendwelche Kuriositaten an den 
Zaren schicken wollten. Sie gaben zur Antwort, ihr Herr be- 
sitze zwar alle Kuriositaten, die es in Europa gabe, in seinem 
Kabinett; was aber hier besonderes zu haben sei, wfifiten sie 
nicht und fiberliefien es daher des Kaisers Gnade solche Gaben 
zu bestimmen. Sie erhielten femer nicht nur Gebetskleider und 
Maulesel fur sich sowie taglich auszuwechselnde Pferde fur ihre 
Diener, sondem der Kaiser setzte ihnen sogar eine monatliche 
Pension aus, bestehend in Geld, Schafen, Reis und Fourage fur 
die Pferde. Aufierdem wurden Lange und dem Arzt je ein 
Mandarin beigeordnet, der fur ihr Wohlergehen zu sorgen 
hatte, und ihr Haus wurde mit Wachen besetzt. Man sieht, 
dafi dem Kaiser jetzt daran lag, sich aufierordentlich gnadig 
gegen die Russen zu zeigen. Als Lange sich bei Parrenin 
erkundigte, ob in Peking wohl ein Ofen aus Porzellan zu 
haben sein wfirde, liefi sich dieser eine Zeichnung geben 



35 

und berichtete daruber an den Kaiser, der dem in technischen 
Dingen wohl bewanderten Jesuiten Stumpf befahl, ein Holz- 
modell von dem gewiinschten Ofen herzustellen. Mit diesem 
schickte er einen Mandarinen in besonderer Mission nach der 
Provinz, in der solche Arbeiten verfertigt wnrden. Dieser ver- 
sprach im August 1717 wieder in Peking zu sein. 

Am 15. November liefi der Kaiser Lange sagen, er sei ent- 
schlossen seinerseits eine Gesandtschaft an den Zaren zu schicken. 
Lange mochte sich zur Abreise wie zu ihrer Fuhrung bereit 
halten. Zunachst ging der Kaiser aber auf Jagd und kehrte 
erst' im Januar wieder ziuruck. Wahrend dieser Zeit blieb Lange 
in Peking und sammelte das Material zu der Beschreibung 
des Landes, die er seinem Reisebericht in zwolf Kapiteln an- 
schliefit. Diese ist in dem mir vorliegenden Manuskripte zum 
SchluB, besonders in dem zwolften Kapitel ^^^n der christlichen 
Religion in China** bedeutend ausfuhrlicher als in Webers »Ver- 
andertem Rufiland^. Nur an sehr wenigen Stelien am Anfang 
geht der Webersche Text liber das Manuskript hinaus, wahrend 
die franzosische Uebersetzung nur ganz wenig davon gibt. Fur 
unsere spezielle Frage ist die Notiz im achten Kapitel von 
Wichtigkeit, dafi der Kaiser Kanghi, da im Jahre 1717 der 
Handel in Peking schlecht gegangen sei und die russischen 
Kaufleute Muhe gehabt hatten, ihre Waren abzusetzen, den 
Schutzzoll aufgehoben habe, obgleich daraus der Staatskasse 
ein Ausfall von 20 Tausend Unzen Silber erwachsen sei. 

Ueber seine Ruckreise mit der chinesischen Gesandtschaft 
sagt Lange nichts. Es findet sich nur am Schlufi seines Manu- 
skripts eine kurze: ^Relation von dem Einzuge der chinesischen 
Ambassade in Moskau* mit franzosischer Uebersetzung, die das 
Datum des 25. Januar tragt. Da Weber* berichtet, er habe den 
von China zuruckgekehrten Lange im Marz 1718 in Moskau an- 
getro£fen, nachdem dieser schon einige Wochen auf den Zaren 
gewartet hatte, kann die Ankunft Langes sehr wohl im Januar 
erfolgt sein, so dafi der im ubrigen wenig bietende Einzugs- 
bericht sich hochst wahrscheinlich auf die von ihm gefuhrte 
chinesische Gesandtschaft bezieht. Es waren funf chinesische 
„Ambassadeurs^ und drei „Ministri* eines unter der Protektion 



* VerSndertes Rufiland, I, p. 340. 

3* 



36 

des Kaisers von China stehenden mongolischen Konigs. Sie 
hielten ihren Einzug durch die deutsche Slobode (Vorstadt) in 
folgender Ordnung: An der Spitze wurden sieben Handpferde 
mit weifien Decken und ebenso yiel Stallknechten zu Pferde 
gefuhrt. Einem Pauker und zwei Trompetem zu Pferde folgte 
eine Kompagnie Grenadiere der Preobraschenskischen Garde zu 
Pferde, diesen acht Mongolen zu Pferde mit Bogen und Pfeiien. 
Hierauf kamen acht Karossen der vomehmsten russischen Herren 
und eine kaiserliche Karosse mit sechs Pferden, Die erste war leer, 
in den ubrigen safien die chinesischen Gesandten in Begleitung 
nissischer Wurdentrager. Zwolf Handpferde, ein Pauker, ein 
Trompeter und eine Kompagnie Grenadiere von der Semenowski- 
schen Garde schlossen den Zug, der beim Eintritt in die Stadt 
mit 21 Kanonenschussen bewillkommnet wurde. Aus dem Hause 
des Oberhofmarschalls Loewenwolde sah sich der Kaiser den 
Einzug der Chinesen an, die in dem Lusthause des General- 
Gouvemeurs Soltikow einquartiert wurden. Mit der Durch- 
fuhrung der Langeschen Expedition war der Zar sehr zufrieden. 
Sie konnte ja auch, da sie keine bestimmten politischen Zwecke 
verfolgte, nicht mit einem so starken MiBerfolge abschliefien wie 
die von Ides. Im Gegenteil waren durch sie wieder bessere 
Beziehungen zwischen den beiden Reichen angebahnt. 

Noch im Jahre 171 7 prasentierten die Jesuiten ihre Rechnung 
fur die Lange erwiesenen Aufmerksamkeiten und die ihm wah- 
rend seines Pekinger Aufenthalts geleisteten Dienste beim Zaren. 
Infolge von Streitigkeitjeii' zwischen den in ihren religiosen An- 
schauungen sich dem chinesischen Ritus allzu sehr anpassenden 
Jesuiten imd dem vom Papste Clemens XI. abgesandten Legaten 
de Toumon hatte sich der hieruber argerlich gewordene Kaiser 
Kanghi wieder zu energischeren Mafinahmen gegen die Fremden 
entschlossen. In dieser Bedrangnis wandten sich die Jesuiten 
an den Zaren, obwohl ihnen im ubrigen an der Begrundung 
einer griechisch-katholischen Kirche in China, in der sie nur 
eine Rivalin gegen ihre eigenen Missionsbestrebungen furchten 
mufiten, nichts gelegen war* In einem sehr beweglichen Brief 
vom 25. Juni 17 17 bittet der schon genannte Jesuitenpater Stumpf 
den russischen Kaiser zwar nicht um eine personliche Verwen- 
dung beim chinesischen Herrscher, durch die man die russischen 
Chancen vielleicht vergrofiert hatte, sondem er ersuchte ihn in 



37 

den uQtertanigsten Ausdrucken, einen Bericht uber die der 
christlichen Mission drohende Gefahr an Kaiser Karl VI. ge- 
langen zu lassen. Was aus diesem Versuche, den Kaiser gegen 
den Papst auszuspielen, geworden ist, steht dahin. Nicht un- 
wahrscheinlich aber ist mir die Annahme, dafi Peter der GroBe 
in der Erkenntnis, dafi der russische Weizen biuhe, wenn es 
den Jesuiten in China schlecht ging, die Situation auszunutzen 
beschlofi und aus diesem Grunde eine neue Gesandtschaft dorthin 
abzuordnen sich beeilte. Zum aufierordentlichen Bevollmachtigten 
dieser Mission wurde der Kapitan der Preobraschensky Leon 
Wassilowitsch Ismailow emannt und Lange wurde ihm als 
Kenner der chinesischen Verhaltnisse beigeordnet. Zu seinem 
pers5nlichen Sekretar wurde der Rat Iwan Glasunow ernannt, 
der bei dem Aufenthalt der eben erwahnten chinesischen Ge- 
sandtschaft in Petersburg einem der chinesischen Gesandten 
attachiert gewesen war. AuBerdem gingen sechs Gesandtschafts- 
kavaliere, darunter ein Sergeant der Garde, furstlichen Her- 
kommens, Knes Alexander Saschin und der Englander Bell mit. 
Dieser hat, wie schon anfangs erwahnt, ebenso wie ein anderer 
Begleiter, Georg Johann Unverzagt einen Bericht fiber die Reise 
und den Aufenthalt in Peking verfafit. Mit Dolmetschem, Geist- 
lichen, einem Musikkorps und Dienern waren es gegen 60 Leute.* 
Dazu kam noch eine militarische Eskorte von 26 Mann. Ismailow 
nimmt von Moskau aus einen anderen Weg als Ides 1692 und 
Lange 171 5. Er (ahrt auf dem Moskwaflufi in sudlicher Richtung 
und geht fiber Nischnij-Nowgorod in Kasan nach Kaigorod, von 
dort fiber den Ural nach Tobolsk. Bis hierher braucht er ge- 
rade einen Tag langer als Lange. Am 15. Januar 1720 bricht 
die Gesandtschaft von hier auf und kommt auf fast gleicher 
Route wie Lange fiber Tomsk und Jenisseisk am 7. April in 
Irkutsk an. 1693 dauerte die Reise von Tobolsk bis Irkutsk 
7 Monate 11 Tage, 1717 5 Monate 10 Tage, 1720 ungefahr 
2 Monate 30 Tagc. Dagegen ist jetzt die Ueberfahrt fiber den 
Baikalsee bedeutend schwieriger und dauert gegen sechs Stunden 
im Jahre 1693 i^olge sehr ungfinstiger Windverhaltnisse, die zum 
Uebemachten in einer Bucht zwangen, drei voile Tage. Am 

* Nach Bell. Unverxag^ g^ibt mit dem Milit&r x6o an. Sie weichen auch im 
Tennin der Abreise ab, nach Bell ist es der 14., nach Unverzagt der 15. Juli 17 19. 
Auch sonst finden sich in den Zahlenangaben Varianten in beiden Berichten. 



38 

5- Juni erreichen die Russeo auf dem Selengaflufi die Grenz- 
stadt Selenginsk und treflfen hier ihre Vorbereitungen fur die Durch- 
quening der moDgolischen Wuste. Der Sergeant Saschin wird nach 
Urga an den Vizekonig der Mongolei geschickt, um die Ankunft 
der Gesandtschaft zu notifizieren. Dieser schickt ein Verzeichnis 
ihrer Mitglieder nach Peking und sendet den Sergeanten mit 
der Nachricht nach Selenginsk zuruck, den Russen wiirde die 
Alitteilung zugehen, wann sie weiter reisen durften. Bald darauf, 
gerade am Namenstage des Zaren, trifft auch ein Mandarin da- 
selbst ein. Unverzagt erzahlt, wie er von dem zur Feier des 
Tages von Ismailow gegebenen Festmahle mit einem kleinen 
Rausche nach Hause gegangen sei. Bald darauf kommt die neue 
Botschaft von Peking, daB in wenigen Tagen zwei Mandarinen 
mit zwei Schreibem und drei Kurieren zu erwarten seien, die den 
Befehl hatten, die Gesandtschaft wahrend der Reise in die chin^- 
sische Hauptstadt mit Proviant imd Pferden zu versorgen. Diese 
blieben aber an der Grenze, wohin die Russen, vom Komman- 
danten von Selenginsk und 300 Kosaken begleitet, am i. Sep- 
tember aufbrechen. Sie durchqueren dann die mongolische Wuste 
liber den Tolaflufi und den Salzsee Tabussianor (Dabassun-nor) 
und kommen nach i^/^ Monaten an die chinesische Mauer, 
durch die sie in festlicher Anordnung unter Pauken- und 
Trompetenschall in das chinesische Gebiet einziehen, um gleich 
darauf in Kalgan einzureiten. Dort findet groBer Empfang statt 
mit Festmahl beim Gouvemeur, Theatervorstellung und Gaukler- 
kunststucken. Die Tafeln mit den ubrig gebliebenen Speisen 
werden den Russen in ihre Quartiere geschickt. Ende November 
treffen sie in Peking ein. Sie haben also mehr als 16 Monate 
von Petersburg gebraucht, wahrend ein einzelner Reisender nach 
Bells Ansicht den Weg hin und zuruck in sechs Monaten zuruck- 
legen kann. Der Einzug erfolgt wiederum in feierlichem Zuge und 
unter Eskortierung durch 500 chinesische Soldaten, die die 
Russen bis in den Gesandtenhof — Russia house nennt ihn Bell 
— geleiten. Im Auftrage des Kaisers werden sie vom Zere- 
monienmeister Aloy begrufit, einem durch vielen Verkehr mit 
den Jesuiten feingebildeten Manne. Fast ein Monat vergeht 
dann mit Verhandlungen uber die Ueberreichung des Kreditivs und 
uber die Zeremonien bei der Audienz, ahnlich denen, die wir schon 
kennen. Aloy verlangt das Beglaubigungsschreiben vom Ge- 



39 

sandten, um es selbst dem Kaiser zu ubergeben, worauf Ismailow 
oicht eingeht; Da ihm aber bedeutet wird, dafi der chinesische 
Kaiser auch yon seinem besten Freunde, m denen er den Zaren 
rechne, keinen Brief empfange, ohne dessen Inhalt zu kennen, 
so gestattet der Gesandte dem Chinesen die Einsicht in die 
lateinische Kopie des kaiserlichen Schreibens, die von den 
Missionaren ins Chinesische ubersetzt wird. Weitere Differenzen 
entstanden iiber die Form der Ueberreichung des Kreditivs. 
Der Gesandte wollte es bei der Audienz dem Kaiser personlich 
in die Hand geben, wahrend der chinesische Zeremonienmeister 
verlangte^ dafi es auf einen Tisch gelegt wurde. Der Haupt- 
punkt war aber auch diesesmal die Forderung des Kotau, 
dessen Vollzug Ismailow abzulehnen vergeblich sich be- 
muhte. Man einig^e sich schliefilich dahin, dafi sich der 
nissische Gesandte dem chinesischen Zeremoniell fugte, wo- 
gegen ihm die Zusicherung gemacht wm'de, dafi, wenn der Kaiser 
yon China einen Gesandten an den Zaren senden wurde, dieser 
die Instruktion erhalten soUte, sich in jeder Beziehung den russi- 
schen Anordnungen zu fugen. Endlich kam der fur die Audienz 
bestimmte Tag.* Sie fand in einem Lustschlofi statt, das vor 
der Residenzstadt lag. Unverzagt sagt, dieses sei eigentlich 
„des Kaysers Residentze, weilen er wegen Menge des Volcks 
und ubeln Geruchs drinnen nicht bleiben kann**. Sehr wenig wahr- 
scheinlich ist, dafi die Russen bei der geringen Entfemung dieses 
Schlosses von der Stadt schon um 3 Uhr morgens von Peking 
aufbrechen, wie Unverzagt erzahlt. Nach Bell reiten sie um 
8 Uhr ab. Die Audienz findet in einer grofien Halle statt, in 
die der Gesandte nach dem Eintritt des Kaisers vom Zeremonien- 
meister an der Hand gefuhrt wird. Das Kreditiv mufi er auf 
einen besonders dazu bereit gestellten Tisch legen. Der Kaiser 
nickt ihm zu, lafit ihn mit dem Schreiben auf sich zu kommen, 
das Ismailow nun kniend zu seinen Fufien legt. Darauf tritt er 
wieder zuruck und vollzieht mit seinen Begleitem nach 
dem Kommando des Zeremonienmeisters neunmal den unver- 
meidlichen Kotau. Erst dann findet eine Unterredung des Kaisers 

* Die Berichte Bells und Unyerzagts weichen nicht our in der Daderunjf, 
sondern auch in anderen Ang^aben nicht unbetrSchtlich von einander ab. Bald 
ist der eine, bald der andere ansfOhrlicher. Bell scheint mir kritischer tn sein. 
Die obige Daratellnnj: beruht mehr auf der BelUchen Reisebeschreibong. 



40 

mit dem Gesandten statt, die mit den ublichen Fragen nach der 
Gesundheit des Zaren, nach ihrer Reise und ihrer Kleidung be- 
ginnt. Im weiteren Verlauf des Gesprachs aufiert Kanghi, er 
finde es nicht recht, daB Peter sich so vielen Gefahren, be- 
sonders zur See, aussetze und sich Wogen und Winden anver- 
traue, gegen die keine Kraft etwas nutze. Er soUe den Rat 
eines alten Mannes befolgen und das unterlassen. Er erkundigt 
sich auch nach verschiedenen Staaten und Fursten Europas und 
ist erstaunt daruber, daS Schweden dem grofien russischen Reiche 
so lange Widerstand leisten k5nne. Den Fuhrer der vorigen 
Gesandtschaft Lange begrufit der Kaiser als alten guten Freund 
und Bekannten und trinkt ihm in Tarasun (Reiswein) zu. Nach- 
dem die Russen bewirtet sind und verschiedene Vorfuhrungen 
von Musikanten, Tanzem und Gauklern stattgefimden haben, 
entlafit der Kaiser den Gesandten mit der Zusage, er werde ihn 
bald wieder rufen lassen. Das geschah schon am uber- 
nachsten Tage zur Ueberreichung der vom Zaren fur den Kaiser 
von China bestimmten Geschenke. Diese bestanden aus einer 
Uhr, die alle Stunde ein Menuett spielte. Den Zeiger schmuckte 
ein Diamant und das Portrat des Zaren. Dazu kamen vier grofie 
Wandspiegel mit Glasrahmen, ein Spiegel mit Goldrahmen, ein 
Ebenholzschrank, zwei mit Brillanten besetzte Taschenuhren, 
mathematische Instrumente, ein Fernrohr mit der vom Zaren 
selbst in Elfenbein ausgearbeiteten Darstellung der Schlacht bei 
Pultawa und Pelzwerk im Werte von 5000 Rubeln. Nachdem 
der Kaiser alles genau besichtigt, fragte er, womit er sich wohl 
dem Zaren fur alle diese Gaben erkenntlich zeigen konne. Gold 
und Silber wurde er wohl selbst genug haben, aber vielleicht 
konnte er der Zarin mit Perlen und Diamanten eine Freude 
machen. Ismailow antwortete, daB seine Herrin sich wenig aus 
solchen Dingea mache und es einer Gegengabe fur die aus 
reiner Freundschaft gemachten Geschenke nicht bedurfe. Der 
Zar verlange nichts mehr, als dafi das gute Vemehmen zwischen 
beiden Reichen bestehen und der vor 30 Jahren abgeschlossene 
Vertrag erneuert werden soUte. Der Kaiser antwortete „in 
the style of a philosopher*, er habe niemals Feindschaft 
gegen den Zaren gehegt und nie die Absicht gehabt, einen 
Krieg gegen ihn zu fuhren. „Denn soUte ich um einige hundert 
oder auch tausend Mann, welche von mir zu ihm oder von ihm 



4» 

m mir uberlaufen, Krieg anfangen, um selbige zuruck zu pra- 
tendieren oder zu behalten? Oder soUte es mir gelustea, ihm 
ein Stuck Landes abzunehmen und mich und mein Volk daruber 
in Ungelegenheit setzen? Das sei feme! Ich habe Landes genug 
und er desgleichen. Wir wollen jeder das Seine behalten und 
in guter Ruh, Frieden und Einigkeit leben. Denn, obgleich ich 
ein Stuck Landes gewinnen konnte, so kann ichs doch nicht 
mit mir nehmen. Nach meinem Tode werden doch andere 
kommen und sich damit ergotzen, und ihm werde es nicht besser 
ergehen. Wir wollen uns lieber in Gute vertragen und uns 
einer dem anderen die Rebellen und Ueberlaufer wieder zu- 
schicken, damit solche ihrem verdienten Lohn nach konnten 
gestrafet werden. Denn, sind sie mir nicht getreu, viel weniger 
werden sie ihm getreu sein, und von denen, die von euch uber- 
laufen, kann ich mir auch keine Treue versprechen.** Nach 
diesen Worten liefi er dem Gesandten und Lange dreimal Tara- 
sun kredenzen und beschwichtig^e ihre Besorgnis, es kdnne ihnen 
ein zu grofies Quantum davon schaden, mit dem Hinweis, daB 
das Getrank in seinem Hause hergestellt und daher sehr gut 
sei. Diese uberaus huldvoUe Aufnahme veranlaSte den Gesandten 
Ismailow wie Lange, als ihnen am Abend desselben Tages be* 
deutet wurde, der Kaiser werde auf acht Tage zur Jagd gehen und 
sie sollten, falls sie noch ein Anliegen hatten, es am folgenden 
Tage vorbringen, lun eine neue Audienz zu bitten. Auch diese 
wurde gewahrt, und Ismailow schenkte dem Kaiser, von dessen 
Jagdliebhaberei er gehort hatte, sechs Windhunde und einen 
Schweifihund. Von Lange erhielt er einen abgerichteten Hund, 
der vierzig Kunststucke konnte, und einige mathematische In- 
strumente. Nach dem Berichte von John Bell hatte diese Audienz 
einen rein politischen Zweck. Daher sei der Gesandte nur von 
Lange begleitet gewesen. Der Kaiser sag^e Ismailow, er habe 
sein Ministerium der westlichen Angelegenheiten angewiesen, 
die Auftrage der Gesandtschaft zur Kenntnis zu nehmen. Er 
habe sich darauf zuruckgezogen und die Verhandlungen, die in 
spateren Konferenzen fortgesetzt wurden, seien sofort begonnen 
worden. Unverzagt lafit den Kaiser wieder fragen, ob sie in 
ihren mit Gold besetzten Kleidem nicht fr5ren; sie konnten sich 
fur das Gold und Silber lieber einen Pelz kaufen, um an ihrer 
Gesundheit nicht Schaden zu nehmen. „Oder'' fuhr er fort, ,,ist 



4^ 

es vielleicht aus Hoffart, daB ihr euch wollt vor mir sehen 
lassen? Meinetwegen habt ihr die Freiheit, auch in Schafs- 
pelzen zu mir zu kommen; dean ich astimiere nicht die Kleider, 
sondern die Person.*' Darauf schenkte er beiden Mannem je 
einen Pelz yon schwarzem Zobel mit Kaiser -Damast gefiittert. 
Fur die Zeit seiner Abwesenheit hatte der Kaiser den 
Jesuiten den Auftrag gegeben, fiir die Unterhaltung der Fremden 
zu sorgen. Daher wurden ihnen zwei Kirchen, eine Glasblaserei, 
die Herstellung von Uhren und mathematischen Instrumenten, 
in der ein Jesuit die Chinesen unterwies, bereitwilligst gezeigt. 
Von dem schon genannten Minister Aloy wurden sie glanzend 
bewirtet. Auf seine Frage, wie es ihnen in China gefalle, ant- 
worteten sie, ^es ware alles gut, aber in Rufiland ware die 
Luft doch reiner als hier'^. Auch wurde ihnen gestattet, im 
Gesandtenhofe zu kaufen und zu yerkaufen. Hier fand gewohnlich 
der Markt der russischen Karawanen statt. Das Kaufangebot 
seitens der Chinesen bestand in allerlei Sorten Damast, lackiertem 
Geschirr, Forzellan, Sonnenuhren, Schildkrotenarbeit, Blumen von 
Seide und anderem mehr, wahrend sie besonders Rauchwerk 
und Hunde verkauften, fur die sie 30 — 50 Dukaten bekamen. 
Am 6. Dezember, dem St. Nikolastag, besuchte der Gesandte 
den Gottesdienst in der russischen Kapelle, die nach der Ein- 
nahme von Albasin fur die nach Peking gebrachten russischen 
Gefangenen gebaut war. Ihre Nachkommen waren zu einer 
kleinen Gemeinde angewachsen, die deii russischen Handels- 
leuten als Dohnetscher diente. Da ihr Priester sich auf den 
Dienst innerhalb seiner Gemeinde beschrankte und nicht den 
Ehrgeiz hatte, Proselyten zu machen, stand er mit den Jesuiten, 
die das gegenteilige Bestreben hatten, auf g^tem Fufi. Lange 
und Bell besuchen auch das Kloster der deutschen Mission, 
der zwei Deutsche mit den wenig deutsch klingenden Namen 
Friddely und Keaggler vorstanden. Es war bedeutend kleiner 
als die franzosische und italienische Kirche, wie uberhaupt die 
deutsche Mission in ihrer Wirkungssphare sowohl wie dem 
Stande ihrer Mitglieder nach den anderen beiden betrachtlich 
nachstand. Durch Friddely ubersendet der Kaiser den Gesandten 
zu Weihnachten einige in China gefertigte Ofenkacheln aus 
Porzellan zu zwei Oefen als Geschenk fur den Zaren. Spater 
schickte er noch lackierte Tische, Stuhle und Schranke. 



43 

Bald nach der Riickkehr des Kaisers fand am chinesischen 
Neujahrstage (30. Januar 1721) grofier Empfang im LustschloB 
Thantschujenne statt, an dem mit dem russischen Gesandten auch 
der papstliche Legat und Patriarch von Alexandria, Kardinal 
Mezzobarba teilnahm.* Der Kaiser hatte sich vorher bei Ismailow 
erkundigen lassen, «was man demselben vor Ehre erweisen soUte 
und wieviel Respekt ihm gebuhre, worauf dieser antwortete, er 
wisse eigentlich nicht, was vor Respekt ihm gebuhre, aber in 
Rufiland wurde der Papst nicht anders als ein grofier Fiirst und 
als ein Herr seines Landes traktieret*. 

Bell berichtet, ihnen sei bei dieser Gelegenheit der Kotau 
erlassen worden. Dennoch sei es fur einen Britten ein eigentum- 
licher Anblick gewesen, einige tausend Menschen vor einem 
sterblichen Wesen auf den Knien liegen und ihr Haupt mm 
Boden neigen zu sehen. Die fremden Gesandten standen rechts 
vom Thron, die Prinzen, Sohne und Enkel des Kaisers sowie 
die ersten Wiirdentrager links, wobei zu bemerken ist, dafi die 
Pladerung zur Linken in China die grofiere Ehrung bedeutet. 
Nach dem Mahl fanden wiederum Vorfuhrungen aller Art statt 
und am Tage darauf wurde ein groSes Feuerwerk abgebrannt, 
worin die Chinesen erstaunliches leisteten. 

Bei der Anwesenheit des russischen Gesandten im kaiser- 
lichen Lustschlofi wurden Kanghi die Punkte vorgetragen, die 
Ismailow im Auftrage des Zaren zur Sprache bringen sollte. 

I. Dafi eine Kara wane, die schon seit funf Jahren in Selen- 
ginsk warte, nach Peking kommen durfe. 

3. Dafi den Russen Preiheit gegeben werde, im ganzen 
Reiche mit ihren Waren zollfrei zu handeln und fur 
ihr Geld Proviant und Vorspann zu kaufen und zu 
mieten, wogegen den Chinesen das gleiche Recht zu- 
stehen solle. 

3. Der Kaiser von China solle genehmigen, dafi der Zar in 
Peking einen Oberagenten und Residenten halte, dem die 
Rechtsprechung uber die dort lebenden Russen zustande. 

4. Aus gleichem Grunde solle in den Hauptstadten der 
einzelnen Provinzen ein Unterresident zugelassen werden. 



* Dieser war wegen der Streitij^keiten zwischen den Jesulten und Domlni- 
kanern &ber Moskau und Canton nach Peking gekommen. 



44 

Die ubrigen Punkte hat Unverzagt, wie er sagt, vergessen; 
sie seien aber ^nach seinem Bedunken nicht von groBer Im- 
portance gewesen". 

Die Chinesen waren nicht abgeneigt auf diese Vorschlage 
einzugehen, als gemeldet wurde, 700 mongolische Familien, die 
in der Nahe der russischen Grenze wohnten, seien unter Fiihning 
ihrer Taischas (Hauptlinge) nach Nertschinsk desertiert und 
batten beim russischen Gouverneur Schutz gefunden. Das rief 
naturgemafi bei der chinesischen Regierung arge MiBstimmung 
hervor. Sie nahm die schon allgemein erteilte Zusage zuriick 
und schob sie bis zu der mit der Zustimmung des Zaren er- 
folgten Auslieferung der Ueberlaufer hinaus. Ohne eine bin- 
dende Erklarung hieruber konnte auch Lange der dauemde 
Aufenthalt in Peking nicht gestattet werden. Ismailow versprach 
die sofortige Absendung eines Kuriers an den Zaren, der von 
dem Verhalten des Gouverneurs in Nertschinsk gewifi keine 
Kenntnis habe. In grofiter Eile wurde ein Soldat von der 
Preobraschensky-Garde, ein Bojar, abgefertigt, dem sich bis 
Selenginsk ein chinesischer Mandarin anschloB, um die Antwort 
des Zaren dort abzuwarten und dann schleunigst nach Peking 
zu uberbringen. Daraufhin wurde Lange gestattet,. so lange in 
der Residenz zu bleiben, bis die sich dort aufhaltende russische 
Karawane ihre Geschafte abgewickelt hatte. 

Nachdem Ismailow vom Kaiser noch zu einer Jagd ein- 
geladen worden war, begann die Gesandtschaft allmahlich zur 
Abreise zu rusten. Am 26. Februar wurde der russische BevoU- 
machtigte zum letzten Male an den Hof befohlen und ihm dort 
ein Schreiben des Kaisers, der ihn personlich nicht noch einmal 
empfing, eingehandigt. Dieses Rekreditiv war auf schonem 
chinesischen Seidenpapier ausgefertigt, zusammengeroUt und in 
gelben Atlas eingewickelt. Der Prasident des Tribunals fur die 
auswartigen Angelegenheiten machte den Gesandten darauf auf- 
merksam, da6 er diesen Brief als besonderes Zeichen der Achtung 
seines Herrn fur den Zaren anzusehen habe, da dieser keine 
derartigen Hoflichkeitsbriefe zu schreiben pflege und uberhaupt 
nur schreibe, wenn es sich um eine Kundgebung an seine Unter- 
tanen handle. Das Original des Briefes war in chinesischer 
Sprache abgefafit, eine Kopie in mongolischer. Er lautete in 
dem recht ungeschickten Hofstil der Mandarinen folgender- 



45 

mafien: ^Befehl an den aufierordentlichen russischen Gesandten 
Ismailow. Eures Reiches Herrscher hat mir Gluck gewunscht, 
und unsere beiden Reiche leben in Prieden mit einander. Das 
Schreiben ist treulich hergebracht, und mir ist gebuhrend 
berichtet worden. Die Geschenke empfing ich samtlich und 
erlie£ daruber diesen Befehl vor deinem Angesichte. Dieses 
meines Befehles gedenke in Ehren und melde dies deinem 
Herrscher. Nun bedarf es blofi dich ordentlich zuruck zu 
schafien. Solchen Befehl erliefi Kanghi im sechzigsten Jahre, 
zweiten Monate, elften Tage (seiner Regierung).* Der Brief 
wurde einem Diener des Gesandten auf den Rucken gebunden. 
Als er damit durch die StraSen ritt, beugten sich alle Leute 
davor auf die Knie und zur Erde. Zum Abschied erhielt 
Ismailow einen Reisepelz, ebenso Lange und die bevorzugten 
Mitglieder der Gesandtschaft, wahrend die Diener mit chine- 
sischen Stoffen beschenkt wurden. Die Kaiserinnen schickten 
fur die Zarin viele Kastchen mit Galanteriewaren wie schonen 
Blumen, Sommervogeln, Kafem und yielen anderen aus Seide 
hergestellten Kleinigkeiten. Der Kaiser selbst ubemahm es, von 
Ismailow im Auftrage der Zarin in Auftrag gegebene Tapeten 
nach europaischem Modell herstellen zu lassen imd, sobald 
sie fertig waren, nach Moskau zu senden. Vergeblich hatte 
Ismailow dies zu vermeiden gesucht, indem er sagte, die 
Tapeten seien fur ihn selbst bestimmt. Dreihundert Fracht- 
wagen und hundert Pferde wurden ibm fur die Ruckreise zur 
Verfugung gestellt; er nahm jedoch nur siebzig Wagen an. 
Nachdem er noch bei den vier vomehmsten Reichsministern 
eingeladen gewesen war, brach die Gesandtschaft am 2. Marz 
von Peking auf; Lange, Unverzagt und neun andere Russen 
gaben ihr nur das Geleit und blieben in Peking zuruck. Langes 
Absicht, Ismailow bis zur chinesischen Mauer zu begleiten, 
scheiterte an der Weigerunng des chinesischen Ministeriums, 
ihm einen Pa6 auszustellen. Da er vom Zaren als Resident in 
Peking bestimmt sei, durfe er die Stadt nur mit Erlaubnis des 
Kaisers verlassen. Dieser war damals noch auf der Jagd."*" 
Wenige Tage nach Ismailows Abreise wurden Lange imd 

* Vgl. Journal de la r^idence du Sieur Lange, agent de Sa Majeste im- 
p^riale de la Grande Russie a la cour de la Chine dans les anndes 1721 et 
1733. A Leyde 1736. p. 3, 3. 



46 

Unverzagt aa den Hof befohleo. «Der Kaiser fragte, ob sie 
sich in Peking nicht langweilten, worauf Lange antwortete, er 
vertreibe sich die Zeit mit Lesen. Uebrigens mufiten sie jetzt 
chinesische Kleidung tragen und auch in solcher vor dem Kaiser 
erscheinen. Als dieser von Peking nach seiner Sommerresidenz 
ging, lieB er nach einigen Tagen den Residenten Lange nach- 
kommen. Dieser aber muBte bald um Urlaub nach Peking bitten, 
da inzwischen die von Selenginsk aufgebrochene russische Kara- 
wane sich der Hauptstadt genahert hatte. Auch die vom Kaiser 
bestellten Tapeten fur die Zarin waren fertig geworden, und 
Unverzagt wurde mit ihrem Transport beauftragt. Mit einem 
Schreiben Langes und einem Brief aus der mongoiischen Kanzlei 
an den Zaren brach er am 21. Oktober von Peking auf. Im 
Mai des nachsten Jahres ubergab er die Geschenke an den 
Zaren und die Zarin in der Stadt Munim an der Wolga und 
erhielt dort den Befehl, sie weiter iiber Moskau nach Petersburg 
zu befordern. 

Lange hatte nun wahrend seiner einundeinhalbjahrigen An- 
wesenheit in Peking als Resident Seiner Zarischen Majestat mit 
mannigfachen Schwierigkeiten zu kampfen und- viele VerdrieS- 
lichkeiten zu uberwinden. Hatte schon die Gesandtschaft unter 
Ismailow aufier freundlichen Worten und zum Teil glanzender 
Aufnahme einen greifbaren Erfolg nicht au£suweisen, so ver- 
suchten die chinesischen Behorden jetzt, den EinfluB, den die 
Russen bei der Person des Kaisers errungen hatten, auf alle 
Weise zuruckzudrangen. Auf die Beamten, nicht auf den Kaiser 
selbst ist die schlechte und unwurdige Behandlung zuriickzu- 
fuhren, die sich Lange gefallen lassen mufite. Standfest bemuhte 
er sich, so gut er konnte, das Ansehen seiner Stellung zn wahren. 

Anfangs arbeitete man mit kleinen Mitteln, um ihn murbe zu 
machen und ihm zu zeigen, wie wenig man seine diplomatische 
Stellung achte. Er muBte, wie das in China ublich war, als BevoU- 
machtig^er eines fremden Staats auf des Kaisers Kosten verpflegt 
werden. Wahrend Unverzagt berichtet, die Gesandtschaft hatte 
taglich 15 groBe mongolische Schafe, 5 Schweine, 10 Pfund Reis, 
30 Huhner, 15 G&nse, 15 Enten, Kohl, Salz, Milch, Holz und 
Kohlen bekommen und sei immer gleich auf neun Tage mit 
Proviant versorgt worden, erschien jetzt am Tage der Ruckkehr 
Langes von seiner kurzen Geleitreise ein bettlerhaft gekleideter 



47 

Chinese im Gesandtschafttsgebaude und legate einige magere 
Huhner, etwas gesalzenen Kohl und etliche Topfe Tarasun auf 
den Hof. Ueber diese unhofliche Form zur Rede gestellt, sagte 
er, er habe mit der Direktion des kaiserlichen Lebensmittel- 
magazins einen Vertrag abgeschlossen, nach dem er fur den 
Unterhalt Langes zu sorgen habe. Dieser verbal sich weitere 
Zusendungen, bis ihm vom Ministerium der aufieren Angelegen- 
heiten eine ofEzielle Mitteilung zugegangen sei. Darauf be- 
schwerte sich Lange bei der Behorde und bat um Benachrichti- 
gung, in welcher Form in Zukunft die Verpflegungsfrage ge- 
regelt werden soUe. 

Die Verhandlungen gingen hin und her. Er merkte wohl, 
daB die Beamten von dem ihm bestimmten und zukonunenden 
Deputat mitleben wollten, und erreichte es, dafi genau festgesetzt 
wurde, was er und seine Dienerschaft an taglicher Ration zu 
beanspruchen habe. Gleichzeitig bat er um die Stellung von 
Pferden filr den Bedarfsfall, wie sie zur Zeit der Anwesenheit 
Ismailows ublich gewesen ware. Da man ihn auch in dieser 
Beziehung einschranken wollte und ihn wegen der Entfernung 
des kaiserlichen Marstalles bat, schon am Tage zuvor mitzu- 
teilen, wenn Pferde gebraucht wurden, beschloB er alien Weite- 
rungen dadurch aus dem Wege zu gehen, dafi er sechs Pferde 
kaufte und auf seine Kosten verpflegte. Uebrigens sind diese 
in China sehr billig; man kauft heute noch ein chinesisches 
Pferd fiir lOO M. Die Besatzung des russischen Gesandtschafts- 
hotels sowie die Bedienung blieben wie unter Ismailow dort. 
Er hatte zwei Mandarinen der 37. Rangklasse und einen Schreiber 
zu seiner Verfugung. Diese vermitteiten seine Anliegen an die 
chinesischen Behorden. Als der Kaiser von der Jagd zuruck- 
kehrte, begab sich auch Lange zum Empfang nach dem Palast. 
Kanghi sprach ihn an und fragte, ob er sich nicht allein und 
so fern von der Heimat in dem fremden Lande langweile, ob 
es ihm gut ginge und er mit allem zufrieden sei. Er bejahte 
es und versicherte liberhoflich, er konne nur zufrieden sein, am 
Hofe eines so grofien Monarchen sich aufhalten zu diirfen. Auch 
hier diente die Sprache dazu die Gedanken zu verbergen. Denn 
bei jedem Versuch, gesellschaftliche, kommerzielle oder politische 
Beziehungen anzuknupfen, stiefi Lange auf Widerstand. „ Die 
Jesuiten erwiderten seine Besuche nicht, die Kaufleute erklarten, 



48 

sie kdnnten nicht in Geschaftsverbindung mit ihm treten, so lange 
er dauemd von Soldaten umgeben sei, deren Verdachtig^gen 
wegen heimlicher Handelsgeschafte sie sich nicht ohne Gefahr 
aussetzen kdnnten; von den beiden Mandarinen, die ihm attachiert 
waren, erklarte der eine, er sei krank, und der andere, er konne 
ohne seinen KoUegen die politischen Angelegenheiten des Resi- 
denten vor dem Konseil nicht vertreten. Als sie endlich dazu 
bereit waren, trug er ihnen seine Wunsche an den Prasidenten 
des Ministeriums der auswartigen Angelegenheiten vor. Erstens 
die baldige Ueberreichung seines Akkreditivs an den Kaiser, 
zweitens die Ansbesserung des arg schadhaften und fast unbe- 
wohnbaren Gesandtschaftshotels und die £rlaubnis> inzwischen 
ein Haus mieten zu durfen, und drittens die Ausstellung 
eines Passes fiir eine Eskorte, die noch von Ismailow zuriick- 
gelassene Gegenstande und von einem russischen Kaufmann be- 
stellte Rohseide bis Selenginsk bringen sollte. Auf das zweite 
Anliegen erfolg^e die ausweichende Antwort, es wurde, da der 
Kaiser dem Residenten das Gesandtschaftshotel als Wohnung an- 
gewiesen habe, niemand wagen durfen zu sagen, dafi Lange nicht 
zufrieden damit sei. Das Mieten einer anderen Wohnung wurde 
den Anschein erwecken, als sei der Kaiser von China nicht im 
stande, einem bei ihm beglaubigten Diplomaten ein seiner 
Stellung entsprechendes und wurdiges Quartier zu geben. Lange 
erwiderte, der Kaiser konne nur in Unkenntnis des Zustandes, 
in dem sich das Haus der russischen Gesandtschaft befinde, 
das Mieten einer anderen Wohnung abschlagen; die Zuruck- 
weisung seiner Bitte seitens des Konseilprasidenten ohne vor- 
aufgegangene Rucksprache mit dem Monarchen sei dem Volker- 
recht zuwider. Darauf erhielt er zur Antwort: was in Europa 
ublich sei, ware nicht bindend fur China. Jedes Land habe 
seine besonderen Sitten, so auch China die seinigen, von denen 
es aus irgend welcher Rucksicht abzugehen durchaus nicht 
geneigt sei. Man sei nicht in der Lage, die Sache dem Konseil 
vorzutragen. So blieb Lange nichts ubrig als zu erklaren, er 
werde sich gedulden, bis die Unmoglichkeit, in dem Hause 
zu bleiben, ihn zwingen wurde, andere Mafiregeln zu ergreifen. 
Was sein Beglaubigungsschreiben betreflfe, so liefi der Prasident 
ihm sagen, er werde sein Gesuch dem Konseil vortragen und 
bei sich bietender Gelegenheit den Kaiser daran erinnem. Mit 



49 

der Expedition des Gepacks und der Seide nach Selengiask 
masse er warten, bis der Geburtstag des Kaisers voruber seii 
da die Vorbereitungen dazu die Behorden allzu stark in An- 
spruch nahmen. Also nichts als Ausfluchte und leere Ver- 
sprechungen. So geht es weiter. Am i. April zur Audienz 
nach Tzantschujenne befohlen, erhielt er den Bescheid^ der 
Kaiser sei unerwartet so mit Arbeiten uberhauft worden, daB 
er ihn nicht empfangen konne. Er werde aber dem Rate die 
Weisung geben, den gewunschten PaS fiir die Bagage nach 
Selenginsk auszustellen und eine militarische Begleitung mitzu- 
geben. Dies geschah auch nach einigen Tagen. Als Lange 
auch hier wieder an sein Beglaubigungsschreiben erinnerte, sagte 
ihm der Oberzeremonienmeister, es habe sich keine Gelegenheit 
geboteUi davon mit dem Kaiser zu sprechen. Da dieser sich 
aber sonst des Residenten erinnere, werde er gewifi nicht ver- 
saumen, darauf gelegentlich zuruckzukonunen. Nach weiteren 
vierzehn Tagen nahm Lange die Verhandlungen mit dem Aus- 
wartigen Amt wieder auf. Es ist charakteristisch, wie man ihm 
dort zu begegnen wagt. Dafi die chinesische Regierung es nicht 
gem sah, wenn eine fremde Macht durch eine ofiSzielle Ver- 
tretung in ihrem Lande festen Fufi fafite, kann man ihr nicht 
verargen. Hier lag aber die Sache so, dafi Lange mit des 
Kaisers Zustinunung als Resident anerkannt war. Aus der Be- 
handlung Langes ersieht man deutlich, wie die reaktionare Re- 
gierung dem reformfreundlichen und liberalen Kaiser entgegen- 
arbeitete. Als dem Minister Langes Ankunft gemeldet wird, 
lafit dieser ihn durch einen Bediensteten fragen, ob er ihm einen 
Besuch abstatten woUe oder in amtlichen Angelegenheiten komme. 
In letzterem Falle moge er dem Diener sein Anliegen mitteilen, 
damit dieser seinen Herm davon in Kenntnis setzen konne. 
Lange lieS sagen, er kame, um seinen Besuch zu machen ; waren 
es aber amtliche Dinge, die ihn zu ihm fuhrten, so betrafen diese 
durchaus den Herrn und nicht den Diener. Vorgelassen und mit 
dem ublichen Thee bewirtet kam Lange wiederum auf seine 
offizielle Akkreditierung zuruck und erhielt dieselbe Antwort 
wie vom Zeremonienmeister, man musse dem Kaiser uberlassen, 
^e Zeit fiir die Annahme des Beglaubigungsbriefes zu bestimmen. 
£r solle sich zunachst doch dabei beruhigen, dafi der Kaiser 
seinem Verbleiben in China zugestimmt habe. Nicht anders 

Krieger, Rnssitch^Chinetitche Politik. 4 



50 

erging es ihm beim Premierminister. Auch dieser lieS ihn 
oachdem er, um nicht ins Bedientenzimmer eiazutreten, auf denit 
Hofe hatte warten mussen, durch einen Unterbeamtea nach seioem 
Begehr fragen. Lange liefi sagen, er wuosche mit ihm per- 
sonlich uber eine Angelegenheit zu sprechen, die er dem Diener 
auseinanderzusetzen nicht geneigt sei. Darauf brachte ihxn der- 
selbe Diener den Bescheid, sein Herr danke ihm fur die Absicht^ 
ihn besuchen zu woUen; er befinde sich sehr wohl, es passe ihm 
aber nicht, ihn zu empfangen. Nach alien diesen Abweisungen 
blieb dem Residenten wiederum nichts anderes ubrig als die 
Sache eine Zeit lang auf sich beruhen zu lassen, zumal ihn ein 
deutscher Jesuit davon in Kenntnis gesetzt hatte, daS die hoheren 
Wurdentrager mit seiner Niederlassung durchaus nicht einver- 
standen gewesen seien und da6 sie nun, ohne Mut, dem Kaiser 
offen zuwider zu handeln, dem Residenten den Aufenthalt auf 
alle Weise zu verleiden suchten. So hatten die Posten seinen, des 
Jesuiten, Diener, den er mit Auftragen an Lange geschickt habe, 
verschiedentlich zuriickgewiesen als einen Menschen, der im Ge- 
sandtschaftshotel nichts zu suchen habe. Auch den Kaufleuten 
machte man nach wie vor Schwierigkeiten, mit Lange in Ver- 
bindung zu treten. Wenn er sich beschwerte, hiefi es, man habe 
fur seine Sicherheit aufzukommen und musse daher mit dem 
Einlafi von Personen sehr vorsichtig sein. Der Grund war, dafi 
die Soldaten und Offiziere der Wache von jedem, der zu den 
Russen kam, ein Trinkgeld erwarteten oder zu erpressen 
suchten. Nicht besseren Erfolg wie in politischen Dingen 
hatte Lange bei seinen Bemuhungen, von chinesischen Hand- 
lern und einigen Privatleuten Geld einzutreiben, das sie 
dem Kommissar einer friiheren Karawane und dem Priester 
der russischen Korche in Peking schuldeten. Auch diese 
verstanden es, ihn hinzuhalten und auf spater zu vertrosten. 
Daher reichte er die Rechnungen durch seine Mandarine beim 
Auswartigen Amt ein, erhielt aber von dort nach einiger Zeit 
den Bescheid, den man schon Ismailow gegeben habe, dafi sich 
das Ministerium mit solchen Kleinigkeiten nicht abgebe. Man 
habe aber die beiden Mandarine angewiesen], die Schuldner 
zurZahlung zu drangen, falls sie uberhaupt zahlungstahig seien* 
Da es den Beamten aber viel mehr darum zu tun war, von den 
Kaufleuten Gratifikationen fur ihre Nachsicht zu erpressen als 



5' 

das Geld beizubringea, lief nach einiger Zeit nur eine kleine 
Summe ein. 

Als nun in einer sturmischen Nacht des Mai der von Lange 
befiirchtete Einsturz einer Mauer des Gesandtschaftshauses erfolgte> 
hatte er von neuem unendliche Muhe, die dazu verpflichtete Bau- 
behorde zur Instandsetzung des Gebaudes zu bewegen. Seiner 
Absicht, den Auf bau auf eigene Kosten zu bewerkstelligen^ wider- 
setzte man sich mit dem Hinweise, dafi es den Kaiser sehr ver- 
letzen wurde, wenn ein ihm gehoriges Haus mit fremdem Gelde 
ausgebessert wurde. Als er seinen Mandarinen fragte, ob er denn 
nicht furchte, wegen der Saumseligkeit, mit der er den Wieder- 
aufbau betreibe, zur Verantwortung gezogen zu werden, wenn 
Lange. dem Zaren uber diese Behandlung berichten und dann 
auch sein Herr davon horen wiirde, antwortete dieser sehr ge- 
lassen, es kamen noch ganz andere Dinge vor, wegen deren 
man nicht gleich bis an den Kaiser zu gehen wagte und es 
wurde in Rufiland wohl ebenso sein. Erst den Drohungen des 
Oberkommandanten der Wache, eines allgemein sehr angesehenen 
Mannes, mit dem Lange in freundschaftlichsten Beziehungen 
stand und der allein fur ihn eintrat, gelang es durch den Hin- 
weis, er selbst wurde dem Kaiser Meldung machen, wie durch 
die Nachlassigkeit der Mandarinen das Ansehen seines Ruhmes 
bei den fremden Machten geschmalert wurde, Abhilfe zu schaffen. 
Er erreichte, dafi nach 3V3 Wochen Arbeiter zur Instandsetzung 
des Quartiers bestellt wurden. Die Aufsassigkeit der Behorden 
ging soweit, dafi, obwohl der Kaiser Lange pers5nlich aufge- 
fordert hatte, ihm nach Jegscholl, einer seiner Sommerresidenzen, 
zu folgen, der Stadtkommandant dies zu hintertreiben wtifite. 
Er erklarte, dem Gesandten nicht eher Pferde, Wagen und 
Begleitung geben zu kdnnen, bis er und die Regierung vom 
Kaiser selbst den Befehl dazu erhalten hatte. So mufite Lange, 
wahrend ganz Peking in die Sommerfrische ging, in der Stadt 
bleiben. Er benutzte die Zeit, seine Erfahrungen uber den 
Handel der Hauptstadt schriftlich aufzuzeichnen, mit der ein- 
schrankenden Bemerkung, dafi seine Informationen infolge der 
vielen Schwierigkeiten, die man ihm auch hierbei machte, nur 
oberflachlich und nicht eingehend sein konnten. Von diesen 
Ausfuhrungen haben fur uns nur die iiber den russischen Handel 
in China Interesse. 

4* 



53 

Im Vertxage yon Nertschinsk war von den kontrahierenden 
Machten den gegenseitigen Unteitanen freier Handelsverkehr 
zugesichert. Der Warenaustausch hatte fur Rufiland doppelten 
Vorteil. Einmal fand russisches Pelzwerk, in Sibirien in Menge 
gewonnen und bei ungenugender Bearbeitung und Konservierung 
dort dem Verderben leicht ausgesetzt, in China reichen Absatz 
und gute Bezahlung* Andrerseits wurden die Waren, die man 
aus China mitbrachte, Edelmetall^ Edelsteine und Seide, in Rufi- 
land viel teurer verkauft als man sie in China eingekauft hatte. 
Ides Gesandtschaft im Jahre 1692 hatte nun, wie wir sahen, 
den Zweck gehabt, den russischen Handel dadurch zu heben, 
dafi aufier dem Privathandelsyerkehr, der nach wie vor 
statt hatte, die russische Regierung eigene Karawanen nach 
Peking senden durfte. Die erste kam 1698 dort an. Diese Ein- 
richtung konnte jedoch, neben dem Handel der Privatleute be- 
stehend, keinen rechten Erfolg haben. Denn einmal erhielten 
die Kommissare — so nannte man die Karawanenfuhrer, die ihr 
Geschaft zwar unter staatlichem Schutz, aber auf eigene Gefahr 
betrieben — ihre Waren von den russischen Schatzbeamten mit so 
hohen Preissatzen angewiesen, dafi sie sie in Peking oft kaum 
jffir die Halfte wieder los wurden, wahrend die russischen Privat- 
kaufleute kauften, wo sie die Waren am besten und am billigsten 
bekamen, und so starke Konkurrenz machen konnten. Dann 
spielte sich der Zwischenhandel mehr an der Grenze, damals 
besonders in der chinesischen Stadt Urga ab, wohin die russi- 
schen Handelsleute yon den Grenzstadten in wenigen Tagen 
gelangen und wo sie, mit Oertlichkeit und Verhaltnissen yer- 
traut, den Vertrieb ohne Weitlaufigkeiten sofort beginnen und ihre 
GeschSfte in kurzester Zeit erledigen konnten. Dagegen brauchte 
der Kommissai^ bis Peking mehrere Monate, hatte grofie Un- 
kosten und stiefi aufierdem beim Verschleifi der Waren auf 
mannigfache Schwierigkeiten bei den Behorden, die oft sechs 
bis sieben Wochen hingehen liefien, ehe sie den Umsatz ge- 
statteten. Femer mufiten die Leiter der Karawanen in der Haupt- 
stadt wahrend ihres langen Aufenthalts die Fourage fur ihre Pferde 
fur teures Geld kaufen, wahrend die Handelsleute in Urga sie 
auf die Weide trieben. Infolge aller dieser Nachteile konnten 
die Kommissare auch ihre Waren in Rufiland nicht so billig 
absetzen wie die Priyatleute, zumal auch die Menge des durch 



53 

diese bewirkten Imports auf den Preis druckte. Der einzige 
Vorteil fur sie blieb, daS das Warenangebot in Peking ein reich- 
haltigeres war, wahrend man in Urga nehmen mufite, was man 
bekam. Diesen Vorteil, meint Lange, musse man benutzen, in- 
dem man russischerseits beste Qualitaten chinesischer Produkte 
und Manufakturen aufkaufe, fur diese Magazine in verschiedenen 
Orten errichte, aus denen sich dann der russische Kommissionar 
in kurzer Zeit mit Waren versehen konne. Ganz klar ist dieser 
Vorschlag nicht. Denn es besteht fur den Zwischenhandler, der 
nun einmal der Kommissar ist, dieselbe Gefahr wie beim Einkauf 
der russiscben Ware in Sibirien: er mufi an die Regierung zu 
teuer bezahlen. 

Da dem Kaiser inzwischen die Abwesenheit Langes auf- 
gefallen war, liefi er an den Konseil den Befehl ergehen, ihn 
nach JegschoU eskortieren zu lassen. Der Gesandte fand dort die 
fireundlichste Aufhahme. Kanghi erkundigte sich personlich nach 
seinem Befinden, bedauerte sein schlechtes Aussehen und wollte 
ihn mit auf die Jagd nehmen. Aber die unmittelbar be« 
vorstehende Ankunft der Karawane veranlafite Lange nach 
Peking zuruckzukeliren. Denn auf den in seinem Zweck sehr 
durchsichtigen Vorschlag des Premierministers, die Karawane 
zu langerem Aufenthalt auf der Reise zu veranlassen, da sie 
wahrend der Sommerabwesenheit der Behorden und des kauf- 
fahigen Publikums von Peking doch keine Geschafte machen 
konne, war Lang^ nicht eingegangen. Dem hohen Herm kam 
es nur darauf an bei dem Eintre£fen der Russen in der Haupt- 
stadt anwesend zu sein, damit der ubiiche Bakschisch nicht in 
andere Hande komme. Der Karawanenfuhrer hatte vom Tola- 
flufi in der mongolischen Wuste einen Kurier mit der Bitte an 
den Residenten geschickt, beim Ministerium der mongolischen 
Angelegenheiten einen Geldvorschufi fur ihn zu erbitten, der 
ihm in Kalgan angewiesen werden mochte. Er wurde ihn, sobald 
er in Peking seinen Handel begonnen hatte, zuruckzahlen. Ob- 
wohl schon ein Prazedenzfall yorlag, lehnte das Ministerium das 
Gesuch ab mit der Motivienmg, der Handel spiele in seinem 
Ressort eine so geringe RoUe, dafi es sich durch derartige 
Porderungen nicht belastigen lassen konnte. Ein chinesischer 
Prinz hatte davon gehort und liefi Lange durch einen portugie- 
sischen Jesuiten das Piinffache der Summe anbieten. Um nicht 



54 

zu verletzen, nahm dieser einen kleinen Teil davon an. Wahrend 
des Aufenthalts in JegschoU liefi ihm der Konseilprisident durch 
die firanzosischen Jesuiten sagen, er habe soeben Anweisungen 
vom Kaiser erhalten, die fur den russischen Handel so gunstig 
waren, daB keine andere Nation sich ruhmen konne, jemals 
solche Preiheiten genossen zu haben. Ueber den Inhalt dieser 
Vergunstigungen auBerte er sich nicht. Lange, der nun all- 
mahlich seine Leute kanntei liefi ihm ironisch-hofiich antworten, 
er Konne um so weniger an der punktlichen Durchfuhrung der 
Befehle des Kaisers zweifeln, als dieser den Herm Prasidenten 
damit beauftragt habe, dessen unermudlicher Eifer fur das Wohl 
des Reiches und fur die Aufrechterhaltung guter Beziehungen 
zwischen Rufiland und China ihm sattsam bekannt sei. Scheinbar 
unyermittelt, fur den Kenner chinesischer Diplomatenart aber 
doch im Zusammenhang mit der obigen, sehr weitgehenden 
Zusage fiir die Handelsfreiheit recht deutlich, liefi der Prasident 
darauf antworten^ er sei nicht ein Mann, der wie andere von 
den Premden Geschenke annehme, aber das Vorrecht durfe er 
wohl fur sich beanspruchen, dafi, wenn er zu den russischen 
H&ndlem komme, man ihm andere Preise machen wtirde wie 
den ubrigen. 

Als die Karawane endlich Ende September 1721 in Peking 
ankam, war der russische Gesandtenhof noch nicht soweit her- 
gestellt, dafi die Leute ihre Waren auspacken konnten. Erst 
nach vielem Drangen wurde die Reparatur in Angriff ge- 
nommen, aber so schlecht ausgefuhrt, dafi Unterschied gegen 
den firuheren Zustand kaum bemerkbar war. Mit dem Eintreffen 
der Karawane soUte nun eigentlich Langes Tatigkeit beginnen. 
Wir werden sehen, wie sein Eingreifen der Anfang vom Ende 
seiner diplomatischen Mission wurde. Es ist sehr interessant, 
an der Hand des Langeschen Tagebuchs zu verfolgen, wie be- 
stimmt die chinesischen Behorden ihr Ziel ins Auge fafiten, 
seiner ihnen durchaus unangenehmen Stellung ein Ende zu 
machen, und mit welcher Verschlagenheit -sie, anfangs gewifi 
gegen den kaiserlichen Willen, seine Lage immoglich zu 
machen wufiten. Was Lange erzahlt, ist typisch fur die chine- 
sische Diplomatic. Mit den verbindlichsten Worten gehen sie 
auf das, was der Gegner will, ein, um ein ^aber^ daran zu 
knupfen, das das scheinbare Zugestandnis voUig aufhebt. 



55 

Schon vor der Ankunfi des Kommissars hatte Lange ge- 
beteOf man moge diesem sofort den freien Vertrieb seiner Waren 
gestatten, da es ihm darauf ankomme, durch ihren schnellen Ver- 
kauf den teuren Aufenthalt in Peking mdglichst abzukiirzen. 
Statt dessen verstarkte man die Besatzung des Gesandtenhofes, 
angeblich, um ihn gegen Diebe zu schutzen, in Wirklichkeit, urn 
die Kaufleute von dem Verkelir mit den Einheimischen abzu* 
schliefien* Bald erschienen vier Mandarine, ofEziell als besondere 
Beauftragte des Hofes, um sich eine Spezifikation der mitge- 
brachten Artikel vorlegen zu lassen und das Beste nach Gutdiinken 
fur den kaiserlichen Haushalt auszusuchen. Die Preise wollten sie 
selbst festsetzen. Darauf konnte der Kommissar unter keinen Um- 
standen eingehen; jede Klage bei den Beh5rden war aber frucht- 
los. Denn jene Leute waren vom Minister ernannt, dem sie sich 
durch Geschenke, die sie bei den Russen billig erstehen wollten^ 
erkenntlich zeigen mufiten. Dieser verwies daher Lange immer 
wieder an sie mit dem Bemerken, der freie Handel konne nicht 
er5flEaet werden, ehe die Mandarine nicht befriedigt seien. Die 
Antwort, die Lange auf eine schriftlich eingereichte Klageschrift 
erhielt, lieS ihm dann aber fiber die Ansichten der chinesischen 
Regierung keinen Zweifel mehr. Sie lautete dahin, dafi man 
schon Ismailow deutlich genug gezeigt habe, wie geringen Wert 
man auf die Handelsbeziehungen mit Rufiland lege. Nur ge- 
zwungen habe man sich dem durch Ismailows Drangen beein* 
fluBten Willen des Kaisers gefugt, wenn der Karawane die 
Niederlassung in Peking gestattet worden sei. Die russischen 
Kaufleute kamen nach China nur, um sich selbst, und nicht, um 
die Chinesen zu bereichern. Die Klageschrift nehme man nicht 
an imd ersuche ihn, die Behorde in Handelssachen nicht weiter 
zu behelligen. Langes Antwort, die Aufrechterhaltung der mer- 
kantilen Beziehungen konne doch bei der noch ausstehenden 
definitiven Regelung der Grenzfrage von groSer Bedeutung 
werden, machte ebensowenig Eindruck wie der Einflufi, den der 
zum Oberhofmarschall ernannte firuhere Kommandant der Be- 
satzung des Gesandtschaftshotels zu Gunsten der Russen geltend 
zu machen suchte. Sein Bruder, der Premierminister, kam zwar 
zu Lange und versicherte ihn seines Bedauerns daruber, dafi die 
Absperrung des russischen Hauses immer noch nicht aufgehoben 
sei, benutzte aber gleichzeitig die Gelegenheit, sich mit aller Deut- 




56 

lichkeit uber die Antipathie der Regienmg gegen den russischen 
Handel auszusprecheo. Sie sei schon lange entschlossen, keine 
Karawanen mehr in Peking aufzunehmen, da alle Einheimischen, 
die mit den Russen in Geschaftsverbindung treten, infolge des 
Ueberangebots an russischen Waren an den Bettelstab kamen. 
Hierauf erwiderte Lange, daB die Karawane auf Grund der 
Vertrage sich in Peking aufhalte, und dafi es erst ihrer Ab-^ 
anderung bedurfe, ehe man den Russen das ihnen zugesicherte 
Recht des freien Handels nehmen k5nne. Als es dem Ober- 
hofinarschall dennoch endlich gelang, nach Verlauf von zwei 
Monaten die Preigabe des Handels zu erwirken, machte die 
Regierung diesen Erfolg dadurch wett, dafi sie die Bestimmung 
traf, alle Waren, die von Privatleuten erstanden wurden, soUten 
erst den Mandarinen vorgelegt werden. Diese hatten zu prufen, 
ob die Sachen nicht fiir den Hof geeignet waren. Sie verstand 
es sogar, den Kaiser zu bestimmen, selbst in Konkurrenz mit 
den Russen zu treten. Es wurden namlich die Pelzwaren aus 
den kaiserlichen Speichem, die als Tributzahlungen eingegangen 
waren, zum Verkauf gebracht und zwar zu billigeren Preisen 
als die bedeutend wertvoUeren russischen Pelze. Endlich 
suchte man den russischen Handel dadurch lahm zu legen, 
dafi man den Eintritt in das Gesandtschaftshaus nur gegen be- 
zahlte Karten oder Passepartouts fur kurzere und langere Dauer 
gestattete, eine Neueinrichtung, von der der Kaiser naturlich 
nichts wufite und die nur dazu diente, die Taschen der Beamten 
zu fullen. Bald aber ging man noch weiter. Gelegentlich des 
Neujahrsempfanges beim Kaiser (1723) richtete der Premier- 
minister die unverblumte Frage an den Residenten, ob er sich 
nach Abwicklung der Geschafte der Karawane mit dieser nach 
Rufiland zuruck begeben werde, worauf Lange die einzig ge- 
botene Antwort gab, es liege nicht in seinem Belieben, einen 
Hof, an dem er auf Befehl des Zaren wirke, eher zu verlassen, 
als er von seinem Herm zuruckgerufen werde. Bald darauf aber 
scheint man Beziehungen, die Lange mit koreanischen Kaufleuten 
anknupfte, benutzt zu haben, um seine SteUung auch an h5chster 
Stelle zu diskreditieren. Man fiirchtete vielleicht, die Russen 
konnten mit den unter Chinas Botmafiigkeit stehenden Koreanern, 
die infolge dauernd schlechter Behandlung ihre Befreiung er- 
sehnten, in politische Verbindimg treten. Auch als Lange um 



57 

eine Eskorte fur einen Boten bat, der zur besseren Unterbriogimg 
und Verpflegung der Karawanenpferde auf dem Lande hinaus 
geschickc werden sollte, schob man ihm die intriguante Absicht 
unter, durch dessen Vermittlung mit Hilfe der Mongolen in heim- 
liche Korrespondenz mit dem russischen Gouvemeur in Selenginsk 
treten zu wollen. Als der Premierminister Lange von diesem 
Verdacht Mitteilung machte, liefi dieser hochst erregt antworten, 
man solle ihm irgend einen Beweis fur soiche Beschuldigung 
erbringen. Im ubrigen konne er als russischer Beamter schreiben, 
an wen er wolle, ohne dazu die Zustimmung der chinesischen 
Beh5rden zu brauchen. Die erbetene Eskorte sowohl wie die 
Ausstellung eines Passes fur den Boten wurde daraufhin ab- 
gelehnt. Erst bei seiner Abschiedsaudienz vom Konseilprasi- 
denten erfuhr Lange auf seine wiederholte Frage, warum er 
ihm seine Bitte unter solchen Verdachtigungen abgeschlagen 
habe, dafi jener keinen Grund dazu gehabt hatte und nur ver- 
hindem wollte, daB der Hof zur Genugtuung herangezogen 
werden konnte, falls jenen Leuten etwas passiert ware. 

Endlich bot sich der Regierung doch eine Handhabe, auch 
den Kaiser zum Abbruch der Beziehungen mit Lange zu ver* 
anlassen. Der Chan der Westmongolen, der in Urga residierte, 
hatte sich fiber das Verhalten russischer Kaufleute daselbst be- 
schwert und mitgeteilt, dafi niemals ein so starker Handels- 
verkehr zwischen Russen und Chinesen stattgefunden habe wie 
in diesem Jahre. Daraufhin hatte der Kaiser befohlen, die 
Kaufleute beider Nationen aus der Stadt zu vertreiben, aber 
nicht erkennen zu lassen, dafi dies auf kaiserlichen Befehl ge- 
schehe. Der Chan soUte nach aufien hin die Verantwortung 
dafur auf sich nehmen. Mit Recht vermutet von Baer in seinem 
schon erwahnten Aufsatze fiber Peters des Grofien Verdienste 
um die Erweiterung geographischer Kenntnisse, dafi auch hier 
eine Beeinflussung Kanghis durch die Jesuiten vorliege, in deren 
natfirlichem Propaganda-Interesse es liegen mufite, die Russen 
und damit die griechisch-katholische Kirche aus China zu ver- 
drangen. Sehr charakteristisch ist, dafi der chinesische Minister 
der mongolischen Angelegenheiten, bei der Abschiedsaudienz 
Langes von diesem befragt, ob die Stellung des Chans der West- 
mongolen soweit selbstandig sei, dafi er von der russischen Re- 
gierung wegen seines Verhaltens zur Verantwortung gezogen 



58 

werden konne, nur ausweichende Antwort gibt. £r konnte 
und durfte der Jesuiten Rankespiel nicht bloBlegen, und sie 
um so weniger preisgeben, als der alternde Kaiser gaoz in 
ihrer Hand war. Den russischen Handelsleuten wurde mm Vor- 
wurf gemacht, daS sie einige mongolische Pamilien aus Urga 
zur Auswanderung nach Rufiland veranlafit batten. Und ob- 
wohl der philosophiscbe Herrscher vor kurzem noch Ismailow 
versichert hatte, dafi derlei Dinge unmoglich AnlaB zu Peind- 
seligkeiten bieten konnten, benutzte man sie in diesem Falle 
doch als Vorwand, um Langes Abreise durchzusetzen. Der 
Gouverneur von Peking lieB ihn nachts ii Uhr zu sich bitten 
mit der Entschuldigung, er sei durch den Hofdienst so uber- 
lastet, dafi er ihn zu anderer Zeit nicht empfangen konne. Lange 
folgte dem Rufe. Nach den ublichen Hoflichkeitsbezeugungen 
fragte er den Residenten, ob er schon lange keine Nachrichten 
aus Selenginsk habe, was dieser verneinte. Im weiteren Ge- 
sprach kam er auf den schon kurzlich geaufierten Verdacht, 
Lange stehe wegen der chinesischen Deserteure mit dem russi- 
schen Befehlshaber in Selenginsk in Verbindimg. In Peking 
ging namlich das wohl ad hoc yerbreitete Gerucht, der Zar 
habe befohlen, die Ueberlaufer nicht auszuliefern. Als Lange 
auch nur die Moglichkeit einer Verbindung mit Selenginsk oder 
gar Petersburg ableugnete, fragte der Gouverneur, ob er ihm, 
falls Nachrichten von dort kamen, diese mitteilen wollte. Der 
Resident sagte dies gem zu. Als der Chinese dann aber um 
eine Abschrift der Briefe bat, die Lange von dort erhalten 
wurde, wies dieser das Ansinnen in schroffster Form zuruck. 
So lange die Welt stande, sei wohl ein solches Ansinnen nicht 
gestellt worden, und er konne daher nicht glauben, dafi der 
Gouverneur im Ernst sprache. Daraufhin brach dieser das 
Thema ab und teilte Lange mit, er beabsichtige dem Kaiser 
den unmittelbar bevorstehenden Aufbruch der Karawane mitzu- 
teilen imd wurde bei dieser Gelegenheit wohl auch Befehle 
seinen, des Gesandten, weiteren Aufenthalt in Peking betreffend 
erhalten. Denn die Zeit, die hierfur mit Ismailow vereinbart 
worden sei, werde in kurzester Prist abgelaufen sein. ^ Lange 
musse sich also auf seine bevorstehende Abreise vorbereiten. 
Dieser versicherte, er habe alien Verhandlungen , die mit 
Ismailow gepflogen seien, beigewohnt und wisse wohl, dafi 



59 

die Dauer seines Aufenthalts in keiner Weise festgesetzt oder 
auf bestimmte Zeit beschrankt worden sei. Als der Stadt- 
kommandant aber darauf bestand, daS ihm der Aufenthalt in 
Peking nur fur die Zeit der Anwesenheit der Karawane be- 
willigt worden sei, erklarte Lange, er wurde sich nur den Be- 
fehlen seines Herrn fugen. Darauf zeigte ihm der Gouvemeur 
einen an ihn, den Residenten, gerichteten Brief von dem russi- 
schen Dolmetscher Tirsoff in Seienginsk, der in seine Hande 
gelangt sei, und verlangte, er soUe ihn in seiner Gegenwart 
offnen und ihm gestatten, eine Kopie zu nehmen. Sonst wiirde 
er das Schreiben zurucksenden. Eine solche AnmaBung verbat 
sich Lange sehr energisch und stellte dem Chinesen den Brief mit 
dem Bemerken zur Veriugung, er moge sich wohl uberlegen, 
welche Folgen seine dreiste Forderung nach sich ziehen konnte. 
Darauf verliefi er ihn. Als Lange trotz wiederholter Aufforde- 
rung das Ansinnen von neuem zuruckwies, kam einige Tage 
darauf ein Mandarin und uberbrachte ihm den Brief mit der 
Mitteilung des Gouvemeurs, Lange mochte nicht bose von ihm 
denken; er habe nur mit ihm scherzen woUen. Der Resident 
lieS ihm sagen, auch er habe die Sache zuerst nur als Scherz 
auffassen kdnnen, die Art aber, mit der der Kommandant auf 
seinem Verlangen bestanden habe, hatte ihn zu einer anderen 
Auffassung bringen mussen. Auf jeden Fall bate er ihn, in 
Zukunft bei dergleichen Belustigungen seine Person durchaus 
aus dem Spiele zu lassen. 

Als Lange von dem Briefe Kenntnis genommen hatte, wollte 
er dem Premierminister von seinem Inhalt Kenntnis geben und 
bat um eine Audienz oder die Erlaubnis, ihm schriftlich daruber 
Mitteilung machen zu durfen. Statt einer Antwort erhielt er den 
im Augenblick recht unvermittelten Bescheid, der Kaiser versage 
so lange den weiteren russischen Handel in Peking, bis die 
Grenzfrage eine endgiltige Regelung gefimden habe. Und da 
bis dahin noch langere Zeit vergehen wurde, so halte er es fur 
angebracht, wenn der Agent Peking jetzt mit der Karawane 
verlasse. Sobald der Handel zwischen beiden Nationen wieder 
aufgenommen ware, stande es ihm naturlich frei, zuruckzukehren. 
Darauf teilte Lange dem Konseilprasidenten mit, er habe zwar 
von seinem Herrn, dem Z^en, den Befehl in Peking zu bleiben, 
bis er von ihm abberufen wurde, musse sich aber unter diesen 



6o 



Umstanden dem Kaiser fugen. Jedoch crwarte er cine Auf- 
klarung iiber die Veranlassung zu diesem plotzlichen Abbnich 
der Beziehungen. Da der Mandarin sich weigerte diese 
Erklarung dem Prasidenten zu . ubermitteln , versuchte Lange 
ihn selbst zu sprechen. Das gelang nicht. Er soUte dem 
Mandarinen sein Anliegen vortragen. Funf Punkte waren es, 
die der Resident zur Sprache brachte. Es wirkt fast lacher- 
lich, dafi der erste die Ueberreichung des noch immer in 
Langes Handen befindlichen Akkreditivs betrifft. Zweitens for- 
derte er eine Genugtuung fur die Behandlung der russischen 
Untertanen in Urga. Der dritte behandelte die Weigerung des 
in Selenginsk stationierten chinesischen Mandarinen, vom Gou- 
verneur amtliche Briefe fur den Konseil anzunehmen und weiter 
zu geben, ehe er iiber deren Inhalt in Kenntnis gesetzt sei. 
Viertens fragte Lange, was er, falls der Kaiser bei seiner Ent- 
lassung beharre, in dessen Auftrage dem Zaren uber den 
zwischen beiden Reichen bestehenden Frieden sagen solle, und 
funftens, ob der Kaiser ihm Geleit fur die Ruckreise gebe. 
Darauf erhielt er zur Antwort, es habe gar keinen Anschein, als 
beabsichtige der Kaiser seine Ansicht iiber Langes Abreise zu 
andem, und niemand wurde es wagen, die Angelegenheit noch 
einmal aufzunehmen, nachdem sie einmal entschieden sei. Nach 
den Motiven fur die EntschlieBungen des Kaisers zu fragen, sei 
der Resident in keiner Weise berechtigt. Man sehe darin eine 
Dreistigkeit, die zu einer Klage beim Zaren Veranlassimg geben 
konnte. Lange erwiderte, daS die seit Ismailows Abreise 
durchaus veranderte Stellung des Hofes und der Regierung es 
ihm zur Pflicht mache, sich iiber die Grunde dafdr zu unter- 
richten. Wenn chinesische Untertanen auf russisches Gebiet 
iibergegangen seien, ohne dafi bisher ihre Auslieferung erfolgt 
sei, so sahe er darin noch keine Veranlassung zum Abbruch der 
Handelsbeziehungen in dieser schro^en Weise. Denn einmal 
seien die die Deserteure betreffenden Pragen seitens des Zaren 
immer sehr loyal behandelt worden, andrerseits konne Rufiland 
Gegenforderungen stellen und drittens sei es wahrscheinlich, dafi 
diese Angelegenheit in den amtlichen Schriftstucken behandelt 
wurde, deren Annahme vom Mandarinen in Selenginsk verweigert 
worden sei. Da der Dolmetscher Langes sich wiederum weigerte, 
dem Prasidenten diese Darlegungen zu ubermitteln, bat dieser 



6i 



den Premierminister um eine Audienz. Auch diese wurde 
anfanglich versagt, schlieBlich aber yon Lange erzwungen. In 
langerer Auseinandersetzung kamen dieselben Dinge zur Sprache. 
Als Lange aber, scheinbar seine Vollmacht uberschreitend, darauf 
hinwies, daS die Art, wie man des Zaren Bevollmachtigten be- 
handle, leicht zu kriegerischen Verwicklungen fuhren konne, 
und dafi sein Herr nach dem vielleicht schon erfolgten Abschlufi 
de3 Priedens mil Schweden freie Hand gegen China habe, fragte 
ihn der Minister, ob er zu solchen Erklarungen autorisiert sei 
und ob er nicht furchte, von seiner Regierung desavouiert zu 
werden, wenn man dort uber seine Drohungen Beschwerde 
fuhre. In Erwiderung dessen erklarte Lange, man durfe nicht 
als Drohung aufTassen, was er als Erwagungen uber etwaige 
Folgen des chinesischen Vorgehens vorgetragen habe. Im ubrigen 
sei er bereit, alle seine Erklarungen schriftlich abzugeben, imd 
bitte dringend darimi, dem Kaiser Mitteilung davon zu machen* 
Der Minister antwortete stolz imd kuhl: da der Kaiser seine 
Entschlusse nur nach reiflicher Ueberlegung zu fassen pflege, so 
sehe er, der Minister, keine Veranlassung, ihm eine Zurucknahme 
seines den Abbruch des Handelsverkehrs betreffenden Entschlusses 
vorzuschlagen. Das ubrige werde sich finden. Langes letzte 
Erklarung ging dahin, ihm habe alles daran gelegen, jedes nur 
mogliche Entgegenkommen zu zeigen. Da man aber auf chine- 
sischer Seite seinen Bemfihungen nur schroffe Ablehnung ent- 
gegengesetzt habe, musse er sich damit begnugen, auf die fur 
die beiden Reiche nachteiligen Polgen dieses Verhaltens hin« 
gewiesen und damit seine Pflicht getan zu haben. Beim Ab* 
schiedsbesuch bei seinem Preunde, dem Oberhofinarschall, fur 
dessen stets bewiesenes Wohlwollen er dankte, erhielt er die 
Bestatigung dessen, was er eben erfahren hatte. Der Kaiser 
habe sich nur durch die verzdgerte Auslieferung der Deserteure 
bestimmen lassen, in Langes Entlassung zu willigen. Es sei un- 
begreiflich, wie man russischerseits diese Angelegenheit so lassig 
habe behandeln konnen. Auf Langes Einwand, es konnte seit 
Ismailows Abreise noch kein Kurier wieder in Peking zuruck 
sein, erwiderte der Marschall, diese seien sonst schneller ge- 
gangen. Da seitdem uber ein Jahr yerstrichen war, hatte -in 
der Tat Nachricht durch einen schnell reisenden Boten dort sein 
konnen. Aber Ismailow fand bei seinem £intre£fen in Moskau 



62 



den Zaren mit den Zurustungen fur den Krieg mit Persien (1722 
bis 1724) 80 beschaftigt, dafi er der chinesischen Angelegenheit 
nicht das genugende Interesse entgegenbrachte. Allerdings war 
chinesischerseits das Verbleiben Langes in Peking gestattet 
worden fur den Fall, dafi es Ismailow gelingen wurde, seioen 
Herrn zur Zurucksendung der desertierten Familien zu bestimmen, 
und mit dem Bemerken, dafi dies alsbald geschehen miisse. Da- 
nach konnte es scheinen, als seien die Chinesen im Recht ge- 
wesen. Aber einmal hatte der Kaiser in einer seiner Unter- 
redungen mit Ismailow ganz besonders betont, dafi er in der 
Ueberlauferfrage nie einen casus beUi sehen wurde, andrerseits 
zeigt das Verhalten der chinesischen Behdrden schon unmittelbar 
nach Ismailows Aufbruch, wie wenig man gewiUt war, die Re- 
sidentschaft Langes zu einer dauernden Einrichtung zu machen. 
Zum Schlufi riet ihm der Oberhofinarschall, nach seiner Ankunft 
in Rufiland sich der Sache, die jetzt den Zwiespalt herbeigefuhrt 
habe, mit allem Interesse anzunehnien. Der Kaiser, dessen gnadiger 
Gesinnung fur seine Person er sicher sein konne, werde nach 
Wiederherstellung der freundschaftlichen Beziehungen ihn gem 
wieder in Peking sehen. Auch dieser selbst liefi ihm die An- 
gelegenheit, mit der er schon Ismailow betraut hatte, dringend 
ans Herz legen, wunschte ihm gluckliche Reise und bat ihn, 
von der Grenze Nachricht zu geben, falls er etwas Neues uber 
die Ereignisse in Europa erfahre. Wenige Tage spSter erhielt 
Lange zwei Stucke Damast als Gegengabe fur die Geschenke, 
die er dem Kaiser zu Neujahr gemacht hatte. Auch der Konseil- 
prasident versicherte ihn des grofien Vertrauens, das der Kaiser 
in seine Person setze, und ersuchte ihn um Mitteilungen, falls er 
an der Grenze etwas von der beabsichtigten Rucksendung der 
Ueberlaufer hore. Als Lange ihn wiederum darauf hinwies, dafi 
in den Briefen, deren Annahme man in Selenginsk verweigert 
habe, diese Sache vielleicht behandelt sein konnte, meinte der 
Prasident, man h&tte russischerseits dann wohl nicht unterlassen, 
auf ihre Bedeutung aufinerksam zu machen. 

Noch kurz vor der Abreise Langes, deren Vorbereitungen er 
durch den Kommissar moglichst beschleunigen liefi, erhielt der 
Prasident des Konseils einen Brief von dem in Selenginsk zur Rege« 
lung der Deserteurangelegenl^elt stationierten Mandarinen, dessen 
Inhalt er Lange mitteilen liefi. Dieser beklagte sich bitter fiber die 



63 

Befaandluog, die er seitens der russischen OfBziere und der Ein- 
wohner der Stadt zu erfahren habe. Man frage ihn unaufhorlich, 
warum er in Seienginsk bleibe und wann er abzureisen gedenke. 
Aufierdem wurde er schlecht yerpflegt und mufite darben, wenn 
er sich nicht aus eigener Tasche weiteren Lebensunterhalt ver- 
schaffen wurde. Auch wegen seiner Weigerung, die Briefe an 
den Konseil und an Lange zu ubernehmen und weiter zu senden, 
setze man ihm dauemd zu, obwohl er mit aller Deutlichkeit er- 
klart habe» daB die Vermittlung dieser Korrespondenz aufierhalb 
seines Auftrages liege. Die Frage des Prasidenten, ob es m5g* 
lich sei, daS dies alles auf Befehl des Zaren geschehe, wies 
Lange mit Entrustung zuruck und erklarte sich bereit, bei seiner 
Ankunft an der Grenze, obwohl er selbst yiel Schlimmeres zu er« 
dulden gehabt habe und obgleich die Sache seine Mission nicht 
beruhre, alles zu tun, um etwaigen MiSstanden abzuhelfen. Da- 
gegen weigerte er sich, einen auf Befehl des Kaisers an den 
General-Gouvemeur yon Sibirien, Prinz Czerkasky, gerichteten 
Brief diesem auszuhSndigen und bat, damit den ihn begleitenden 
Mandarinen Tuleschin zu beauftragen. Nachdem ihn der Pre- 
sident bei dieser letzten Unterredung, zu der er ihn hatte auf- 
fordem lassen, noch einmal gebeten hatte, ihm sein Verhalten 
in Sachen des Tirsoff-Briefes nicht nachtragen zu woUen, fragte 
er ihn, ob er nach seiner Ruckkehr in die Heimat dem Mini- 
sterium einen schriftlichen Bericht uber seinen Aufenthalt in 
Peking werde einreichen mussen, und bat ihn, als Lange das 
bejahte, mehr untergeordnet als groBherzig, in diesem nicht die 
Dinge in den Vordergrund zu stellen, die dem Portbestande 
eines guten Einvemehmens zwischen beiden Reichen hinderlich 
sein konnten. Lange erwiderte hierauf, er werde, da er als 
Vermittler freundschaftlicher Beziehungen zwischen RuBland 
und China nach Peking geschickt worden sei, es sich zur 
Pflicht machen, nur die Punkte in seinem Bericht zu behandeln, 
uber die seine Regierung nach seiner Ansicht unterrichtet 
werden musse. 

Am 13. Juni verlieB er die chinesische Hauptstadt, nachdem 
die Karawane schon vorher aufgebrochen war. Auf Wunsch 
des Kaisers reiste er fiber Jegscholl und wurde dort unter 
deo ublichen Zeremonien in Abschiedsaudienz emp£suigen. Am 
26. August kam er in Seienginsk an. 



64 

Peter der Grofie war wohl anfangs gewillt, die von Lange 
ausgesprochenen Drohungen wahr zu machen und aggressiv 
gegen China vorzugehen. Wenn er es nicht tat, so lag es ein- 
mal daran, dafi der persische Krieg ihn in Anspruch nahm, dann 
aber starb der Kaiser Kanghi noch im Herbst 1723, und man 
wollte zunachst die weitere Entwicklung der Verhaltnisse unter 
seinem Nachfolger Young-tsching, dem vierten Sohne Kanghis, 
abwarten. Eine Nachricht, Peter selbst habe Lange noch einmal 
nach China senden wollen, ist nicht verburgt. Sicher aber ist, 
dafi er die Wiederaufiiahme der Verhandlungen iiber die Grenz* 
regulierung betrieb. Die Fortfuhrung dieser wurde dadurch 
erleichtert, dafi sich in Peking durch das Zuriickgehen des 
jesuitischen Einflusses unter der neuen Regierung den rusaischen 
Bestrebungen groBere Vorteile boten. Katharina I., die Gattin 
und Nachfolgerin Peters (i 725 — 1 727), zeigte ihre Thronbesteigung 
durch einen besonderen Gesandten, den illyrischen Grafen Sawa 
Wladislawitsch aus Ragusa, in Peking an. Dieser schlofi dann 
am 21. Oktober 1727 mit den BevoUmachtigten des Kaisers von 
China, dem mongolischen Fursten Tsereng Wang'*' und dem 
Vizeprasidenten des chinesischen Kriegstribunals, Tulichin, dem- 
selben, der Lange nach Selenginsk geleitet hatte, den neuen 
Grenz- und Handelsvertrag von Kiachta ab."^"^ Er ist in franzo- 
sischer Uebersetzung abgedruckt in den ^Archives diploma- 
tiques'^, Tome I, 1861, und in ^Treaties etc. between Great 
Britain and China and between China and foreign powers by 
Sir Edward Hertslet*', I, p. 295 ff. Ich will mich hier darauf 
beschranken, die in Rucksicht auf die friiheren Differenzen und 
fur die spatere Konsolidierung der Verhaltnisse wichtigsten Be- 
stimmungen des Vertrages in Kurze anzufuhren. Der zweite Ar- 
tikel behandelt die Ueberlauferfrage. Sie soUen jetzt dort bleiben, 
wo sie sind; in Zukunft aber durfen sie unter keinem Vorwand 
zuruckbehalten werden. Jedes der beiden Reiche hat sie ohne 
Verzug auszuliefern. Die Grenze (Artikel III) soil auf Grund 
einer genauen Inaugenscheinnahme des in Betracht kommenden 



* Wang » Untatkdnig. 

** In dem yon Pallas herausgegebenen Tagebuch der Reise Langes nach 
China im Jahre 1737 ist fSlschlich der 37. August als Datum angegeben. Auch 
York, »Da8 Vordringen der russischen Macbt in China**, p. 11, irrt in der Da- 
tierung. Br gibt den 33. Oktober. 



65 

Gelandes durch die beiderseitigen Vertreter festgel^sgt werden. 
Sie nimmt ihren Anfang am Kiachtabach und geht zunachst bis 
an den ArgunfluB; wo es moglich ist, folgt sie den Gebirgs- 
ziigen und Flufilaufen, im ubrigen wird sie durch Marksteine 
bezeichnet. Die endgiltige Regulienmg der Grenzlinie soil 
erst nach Anfertigung mafigebender Karten erfolgen. Die 
gegenseitige bedingungslose Handelsfreiheit wurde im vierten 
Paragraphen insofem eingeschrankt, als erstens nur alle drei 
Jahre eine Handelskarawane in Peking zugelassen imd die Zahl 
der sie geleitenden Kaufleute auf 200 normiert wird mit der 
wiederholten Bestimmung, dafi diese, wenn sie nur Handels- 
zwecke y erfolgen und nicht, wie Lange, auch eine politische 
Mission haben, sich selbst verpflegen mussen. Ueber Empfang, 
Geleit und Fuhrung der Karawane werden genaue Bestimmungen 
getroffen. Abgesehen von der Hauptstadt darf der Handel nicht 
wie bisher uberall betrieben werden^ sondern nur in Kiachta, 
Selenginsk imd Nertschinsk, wo grofie Warenhauser eingerichtet 
werden, die im Bedarfsfalle durch Hecken und Pallisaden 
geschutzt werden kdnnen. Sie stehen unter dem Schutze 
von Grenzo£Gzieren , die beide Regierungen stellen. Wer 
auBerhalb der freigegebenen Orte Handelsgeschafte abschliefit, 
lauft Gefahr, dafi alle seine Waren eingezogen werden. 
Im funften Artikel wird bestimmt, dafi die fremden Kaufleute 
in Peking im Gesandtschaftshause wohnen soUen. Sie geniefien 
in der daneben neu errichteten Kirche unter einem hoheren 
Priester und drei jiingeren Geistlichen freie Religionsubung. 
Aufier den Kaufleuten imd Priestem wird auch sechs russischen 
Untertanen, deren Lebensunterhalt von ihrer Regierung bestritten 
werden mufi, zur Erlernung der chinesischen Sprache lingerer 
Aufenthalt in der Residenz gestattet. Der sechste Artikel be- 
handelt die Erledigung der amtlichen Korrespondenz. Die Grenze 
des weiter nach Osten liegenden Gebiets, das friiher auch zur 
Macht- undlnteressensphare derRussen gehort hatte, wird ebenfalls 
noch nicht definitiv festgesetzt, sondern der status quo anerkannt, 
bis der russische BevoUmachtigte neuelnstruktionen seiner Kaiserin 
eingeholt hat. Aber auch hier wird strenge Bestrafung dem 
angedroht, der die jetzt gebrauchlich gewordene Grenzlinie 
uberschreitet (Artikel VU). Artikel VIII gibt den Grenzkomman- 
danten die Rechtsprechung, und der neunte behandelt die Auf- 

Krieger, Rouiflcb-ChineBische Politik. 5 



66 



nahme von auBerordentlichen Gesandten. Sie durfen zunachst 
nur bis an die Grenze kommen, mussen von dort aus den Zweck 
ihrer Mission angeben und die Aufibrdening abwarten, ihre 
Reise fortzusetzen. Fiir diese wird ihnen Geleit und freie Ver- 
pfiegung zugesagt, die sie auch in der Residenz erhalten. 
Kommen sie aber in dem Jahre, in dem der Handel in 
Peking nicht gestattet, also die Karawane nicht dort ist, so 
durfen sie keine Waren mitbringen. Dagegen werden Kuriere 
ohne alle Beschrankung nach Vorzeigung ihrer Papiere weiter- 
befordert. Ebenso wird ausdrtlcklich betont, dafi die amtlichen 
Korrespondenzen schleimigst befordert und erledigt werden 
mussen. Geschieht das nicht, so wird bis zu ihrer Abfertigung 
der Verkehr mit Gesandten und Kaufleuten abgebrochen. Im 
zehnten Paragraphen werden die Strafen fur Ueberlaufer und 
Diebe festgesetzt. Diese letzten Bestimmungen werden in einem 
spateren Vertrage vom i8. Oktober 1768 teils etwas gemildert, 
teils weiter ausgefahrt. Der Schlufiartikel setzt die Formalien 
der Ausfertigung fest. Der russische Gesandte stellt den chine- 
sischen Bevollmachtigten eine versiegelte russische und latei- 
nische, die Chinesen den Russen eine mandschurische, russische 
und lateinische Abschrift zu. Kopien werden an alle Grenz- 
beamten verteilt. Da der schon am 17. Mai 1727 erfolgte Tod 
der Kaiserin Katharina I. an der russisch-sibirischen Grenze 
bei der Unterzeichnung des Vertrages nicht bekannt war, wurde 
er noch in ihrem Namen abgeschlossen. Ratifiziert wurde er 
erst am 14. Juni 1738 durch Peter III. 

Noch vor dem endgiltigen Abschlufi wurden, nachdem man 
fiber die Hauptpunkte einig geworden war, die Vor- 
bereitungen fur den Aufbruch einer Karawane getroflfen. Sie 
wurde von Lange und dem Kommissar Molokoff gefilhrt und 
von einem Sergeanten der Kaiserlichen Leibgarde mit einem 
Korporal und 18 Soldaten, sowie von einem Geistlichen be- 
gleitet. Die Schuler, die zur Erlernung der chinesischen Sprache 
nach Peking gingen, schlossen sich ihr an. Im ganzen waren 
es 205 Kopfe, 475 Fuhren mit Waren und 162 Fuhren mit Pro- 
viant, wozu 2650 Pferde und 565 Zugochsen gehorten. Der Auf- 
bruch erfolgte am 13. September 1727. Drei Tage spater er- 
reichten sie den Kiachtabach, an dem im Jahre darauf ein 
russisches Handelsemporium angelegt wurde. Bis zum Eintreffen 



67 

des zu ihrer Begleitung bestimmten chinesischen Mandarinen gaben 
ihnen die beiden chinesischen Bevollmachtigten Einheimische als 
Fuhrer mit, die unterwegs an verschiedenen Orten abgelost 
wurden. Zunachst ging es in sudlicher Richtung durch 
die mongolische Waste bis Zaptschir und Cherrot. Von dort 
bat Lange durch einen von dem chinesischen Begleiter ab- 
gesandten Kurier das mongolische Tribunal in Peking um Er- 
laubnis, sein Zugvieh an der chinesischen Mauer auf der Weide 
zurucklassen und von Kalgan, der ersten Stadt hinter der Mauer, 
bis Peking mit gemieteten Pferden reisen zu durfen. Ende 
Oktober trafen sie den chinesischen Mandarin, der mit der Rati- 
fikation des neuen Vertrages nach der Grenze ging. Nachdem 
sie von Zaptschir aus sich ostlich gewandt hatten, erreichten sie 
am 4. November den Salzsee Irew-Dabassim. Infolge von grofiem 
Mangel an Wasser und Weide und im weiteren Verlauf der 
Reise auch infolge starken Frostes verloren sie viele Pferde. 
Bald darauf stieBen sie auf den ihnen von Peking aus entgegen- 
gesandten Mandarin und wurden an der chinesischen Mauer von 
weiteren sechs empfangen. In Kalgan mieteten sie Zugvieh fiir 
die Reise bis Peking, wo sie am 26. Dezember 1727 anlangten. 
Hier begann nun fur Lange und die Kaufleute vom ersten 
Tage an derselbe Verdrufi imd Aerger mit den chinesischen 
Behorden wie fruher. Ungeachtet der vertragsmaSigen Zusage 
freien Handels imterliefien sie nichts, den Russen das Leben sauer 
zu machen. Und immer mit dem Schein des Gerechten. Trafen 
sie die Verfugung,- es durfe niemand von den Langeschen 
Leuten dasGesandtschaftshaus verlassen, so geschah dies angeblich 
zur Sicherung der noch nicht abgeladenen Waren oder, um dem 
ubermifiigen GenuB geistiger Getranke vorzubeugen. Eine von 
Lange mit einem Chinesen abgeschlossene Vereinbarung iiber 
die Verpflegung der Pferde suditen die ihm zur Unterstutzimg 
beigegebenen Mandarinen durch jede nur mogliche Verdachti* 
gung des Mannes ruckgangig zu machen, um selbst den Unter- 
halt der Tiere in Verding zu geben und dabei ihren Vorteil zu 
finden. Liefien sie das Gesandtschaftsquartier mit einer Be- 
satzung von 750 Mann umsteUen, so taten sie es „zur Sicherung 
der Russen gegen Diebe*, inWirklichkeit zur genauen Kon- 
trollierung ihres Verkehrs. Abgesehen von solchen M16- 
helligkeiten entwickelte sich sxich das Handelsgeschaft sehr 

5' 



68 



schwach. Die chinesischen Handler zeig^en nicht die geringste 
Kauflust, sie kamen nur bin, lieBen sich die Warea zeigen und er- 
staaden nichts oder so mindere Sachen, daB die Karawane ia 
der ersten Zeit infolge des geringen Absatzes in Geldnot geriet. 
Aufierdem wurde durch das strenge Verbot des Prasidenten des 
Ministeriums der mongolischen Angelegenheiten, Waren auf 
Kredit zu nehmen, die Kauffahigkeit der Chinesen stark be- 
eintrachtigt. Fruher hatte der Gebrauch bestanden, daB die 
Handler die Waren ohne Barzahlung erhielten und ihre Schuld 
einlosten, sobald ihnen der Wiederyerkauf gelungen war. Bei 
der geringen Kapitalskraft der chinesischen Kaufleute war dieser 
Geschaftsbetrieb notwendig geworden. Jetzt wurden die yielen 
in Peking yorkommenden Betrugereien als Grund fur jenes 
Verbot angegeben. Dagegen nutzte es wenig, dafi andrerseits 
sowohl durch kaiserliches Edikt als yom^Allegamba, dem Pra- 
sidenten des mongolischen Tribunals, den Kaufleuten der Handels- 
yerkehr mit den Russen anbefohlen wurde, ja, dafi man sogar 
die Hoflieferanten aufibrdem lieB, ihre Waren bei den Russen 
zu entnehmen. Diese behaupteten, bei dem mit der yorigen 
Karawane abgeschlossenen Handel infolge der Habgier der 
Minister so schlecht abgeschnitten zu haben, daB sie nur mit 
Geld- und WarenyorschuB aus der kaiserlichen Kasse in ge- 
schaftliche Beziehungen zu den Russen treten konnten. Wo nichts 
ist, da hat eben auch der Kaiser sein Recht yerloren. Das yer- 
anlafite Lange und den Kommissar schlieBlich dazu, sich an 
einen yon russischen Eltem geborenen Makler zu wenden, der 
dann einzelne groBere Geschafte, allerdings hinter dem Rucken 
der chinesischen Beamten, ohne sofortige Bezahlung zu stande 
brachte. Zu Hofe wurde Lange uberhaupt nicht geladen. Mit 
Muhe gelang es ihm, durch den Allegamba seinen PaB dem 
Kaiser yorzulegen. Gelegentlich erkundigte sich dieser beim 
russischen Geistlichen nach dem Fortgang des Handels und 
schickte wohl auch bisweilen yon seiner Tafel einige Schusseln 
oder frische Viktualien ins Gesandtschaftshotel. Das war aber 
alles. Dem Premierminister, chinesisch AUegada, hatte Lange 
im Auftrage des Grafen Wladislawitsch zehn grauschwarze Fuchse 
und zwanzig Paar Zobel zu ubergeben. Dieser lieB aber durch 
seinen Haushofmeister sagen, er konne weder die Fuchse noch 
die Zobel gebrauchen, da bei schwerer Strafe nur der Kaiser 



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grauschwarzen Fuchspelz tragen durfe und die Zobel, alle ge- 
teilt, nicht zu einem chinesischen Pelz ausreichea wurden. Seine 
Bescheidenheit gestattete ihm jedoch, zu bitten, man mochte die 
Pelzware verkaufen und ihm den Wert derselben mit 66 ganzen 
Zobeln und den UeberschuB mit Grauwerk und Hermelin er- 
setzen. Gleichzeitig lieB er durch seine Bediensteten einiges 
Silbergeschirr zum Kauf anbieten. In der Annahme, die Gunst 
des Wurdentragers durch Eingehen auf seine Wunsche gewinnen 
zu konnen, sagte man ihm zu, was er woUte, und bat gleich- 
zeitig um seine Unterstutzung und Forderung der Geschafts- 
angelegenheiten. Er versicherte darauf, sich nach Moglichkeit 
bei Hofe dafur verwenden zu wollen und gab — das kostete 
nichts und verpflichtete . zu nichts — seiner Verwunderung 
Ausdruck iSber das Verhalten des mongolischen Tribunals, das 
immer nur darauf drangte, die Preise der Waren herabzusetzen, 
damit dadurch ein schnellerer und leichterer Absatz erzielt 
werde, und das schon jetzt, im Marz 1728, den Russen nahe 
legte, an den Aufbruch zu denken, naturlich nur, „weil die Luft in 
Peking in den Fruhjahrsmonaten schlecht sei**. Als der Allegamba 
den Mandarinen gar den Auftrag gab, den Russen tagtaglich in Er- 
innerung zu bringen, sie mochten sich zur Abreise anschicken, lieB 
ihmLange mit allerDeutlichkeit sagen, erwurde dieseErinnerungen 
sparenkonnen, wenner denKaufleutenentweder befehle, alle Waren 
im grofien abzunehmen, oder wenn er mehr Freiheit yerstatten 
und das Examinieren der Aus- und Eingehenden einstellen woUte. 
Lage es aber in seiner Absicht, sie zu einem nachteiligen Ver- 
kauf oder ubereilten Abzug zu zwingen, so sei dies den Ver- 
tragen schnurstracks entgegen. Gleichzeitig bat er, den in der 
Steppe bei den Pferden zuruckgelassenen Faktor ablosen und 
die Dacher der Wohnungen und Warenlager des Gesandtschafts- 
hauses ausbessem zu lassen oder selbst ausbessem lassen zu 
durfen. Die sehr unhofliche Antwort darauf lautete, die Aus« 
besserung werde weder vom mongolischen Tribunal vorge- 
nommen noch den Russen gestattet werden. Die Er- 
laubnis zur Absendung eines neuen Faktors woUe man erwirken. 
SoUte Lange jedoch in der Denkschrift, die er einzureichen 
gedachte, die Schuld fiir die schlechte Abwicklung der Handels- 
geschafte auf irgend jemanden von den Chinesen schieben wollen, 
so kdnne ihm das nur schaden. Diese Drohung und der Um- 



Stand, daB die Verhandlungen an der Grenze wegen des dem 
chinesischen Kaiser von den Russen zu verleihenden Titels ins 
Stocken geraten waren, legten Lange eine unvermeidliche Zuruck- 
haltung auf. Den fortdauernden Chikanen gegenuber war das 
nicht leicht. Denn von der Unhoflichkeit ging der Prasident 
bald zur Dreistigkeit uber. £r wamte die Russen vor den un- 
nutzen Ausgaben, die ihnen ein so langer Aufenthalt verursachen 
wurde, und legte ilinen nahe, auch ohne alle Waren abgesetzt 
zu haben, Peking zu verlassen. Die gewohnliche, nach fruheren 
und spateren Abmachungen den Karawanen zugestandene drei- 
monatliche Frist sei abgelaufen. Lange erwiderte darauf, er mochte 
sich wegen der Unkosten, die ihnen entstanden, nicht beunruhi- 
gen; diese decke seines Herm Majestat. Abreisen wurde er, 
wenn die Waren abgesetzt seien. Denn von einer Beschrankung 
des Karawanenaufenthalts stunde nichts in den Vertragen. SoUte 
der Kaiser eine Aenderung in diesem Punkte belieben, so bate 
er um schriftliche Mitteilung. Auf die Erwiderung des Manda- 
rinen, er mochte die Person des Monarchen doch nicht in die 
Erorterung iiber solche Bagatellen ziehen, versetzte ihm Lange 
stolz, er werde sich, da er in Geschaften eines ebenso grofien 
Monarchen sich unter dem Schutze des chinesischen Chans in 
Peking befande, von niemand Gesetze vorschreiben lassen. In- 
zwischen hatte der AUegeda seine Geschenke erhalten und 
suchte nun zu helfen. Er riet, wegen des Absatzes der Waren 
schriftlich beim mongolischen Tribunal vorstellig zu werden. 
Dies war langst geschehen. Die Eingabe hatte jedoch nur 
den Erfolg gehabt, daB der Prasident immer mehr zum Auf- 
bruch drangte, den Tag der Abreise festgesetzt zu wissen wunschte 
und schlieBlich fragen liefi, ob Lange in Peking zu sterben gedenke. 
Hierauf antwortete ihm dieser: da es ihm selbst gleichgultig sei, 
wo er im Dienste seines Herrn sturbe, so ginge es auch den Herrn 
Prasidenten nichts an. Was den Tag der Abreise betrafe, so 
moge er diesen selbst bestimmen, wenn dies den Vertragen 
gemafi und der Wille seines Herrn sei. SchlieBlich brachte es 
der AUegamba doch zuwege, daB Lange murbe wurde und dem 
Kommissar einen moglichst wohlfeilen Verkauf der Waren ans 
Herz legte, zumal sie zu verderben begannen und man sich nicht 
scheute, ihm mit gewaltmaBiger Entfernung zu drohen. Dazu 
kam, daB der Kassenbestand besonders mit Rucksicht auf die 



7^ 

bedeutenden Ausgaben fur die Heimreise sowie die Beschwerlich- 
keit, in den Wintermonaten mit so grofiem Gefolge die Wuste z\x 
durchqueren, sie in dem Entschlufi bestarkte, den Aufbnich von 
Peking auf den i . August festzusetzen. Noch aber teilte man dies 
dem Prasidenten nicht mit^ der jedoch yon anderer Seite uber die 
Absichten Langes Kunde erhalten haben mufite. Denn wahrend 
er bisher den unyerschamtesten seiner Beamten als Unterhandler 
geschickt hatte, der sich noch durch reichlichen BranntweingenuB 
zu dreisterem Vorgehen anzufeuern pflegte, erschienen am i. Juni 
zwei sehr hofliche Mandarinen, die sich im Namen des Prasi- 
denten nach Langes und seiner Leute Befinden erkundigten, zum 
Abschlufi eines damals gerade gelungenen Geschafts gratulierten 
und alles Gute fur den weiteren Absatz der Waren wunschten. 
In fast freundschaftlicher Weise behandelten sie auch die Frage 
des Aufbruchs, den sie Lange allerdings auch nahe legen zu 
mussen meinten. Daraufhin gab dieser ihnen zu wissen, daB er 
am I. August Peking yerlassen werde. Der Prasident lieB ihn 
aber bitten, schon am 13. Juli zu gehen, da der Kaiser ihm um 
diese Zeit die Abschiedsaudienz zu bewilligen gedenke. Natur- 
lich blieb Lange nichts ubrig, als auch auf diese Forderung 
einzugehen. Als man ihn trotz alledem dringend bat, in der 
E)enkschrift, die er yor seiner Abreise einzureichen gedachte 
und die dem Kaiser vorgelegt werden mufite, nicht durchblicken 
zu lassen, daB er die Residenz nicht freiwillig yerlasse, ant- 
wortete er, seine Auftrage lieBen weder SpaB noch Schmeichelei 
zu und er werde die reine Wahrheit schreiben. Darauf ersuchte 
man ihn, sich wenigstens in seinen Ausdrucken moglichst zu 
mafiigen. Das Memoire wurde dann wenige Tage darauf beim 
Tribunal eingereicht und yon zwolf Mandarinen in festlichem 
Gewande angenommen. Am 7. Juli fand die zugesagte Abschieds- 
audienz beim Kaiser auf einem LustschloB bei Peking statt. Im 
Vorzimmer traf Lange auch den ihm so ubelgesinnten Prasi- 
denten des mongolischen Tribunals, der sich nicht entblodete, 
auch hier noch die Unterlassung seines Besuches bei ihm zu 
entschuldigen, aber alien Fragen uber den Grund seines Ver- 
haltens und seiner Abneigung gegen den russischen Handel aus- 
ivich. Lange wurde allein mit seinem Dolmetscher yom Kaiser 
empfangen, der ihm sagte, es sei nicht seine Gewohnheit, Fremd- 
lingen, die nur in Handelsgeschaften nach Peking kamen, Audienz 



7^ 

zu gewahren; weil Lange aber bei seinem Vater in besonderer 
Gunst gestanden habe, so sei er auch ihm bekannt geworden, 
und er habe ihn deshalb nicht ohne diesen Gnadenbeweis aus 
Peking entlassen woUen. Er pfiege auch sonst Kaufleute nicht 
zur Abreise zu veranlassen, ehe sie alle ihre Waren abgesetzt 
hatten. Wenn es jetzt geschehe, so sei das Daniederliegen des 
Pelzhandels und die Befurchtung, die Waren konnten alle ver- 
derben, der Grund zu seinem Vorgehen. Man habe also nur 
im Interesse der Russen auf die Beschleunigung des Aufbruchs 
gedrungen. Lange blieb nichts anderes ubrig, als seine groBe 
Erkenntlichkeit fur die Ehre zu bezeugen, dafi der Kaiser ihm 
selbst die Ursachen seiner Entfemung aus Peking anzeige. Als 
Abschiedsgabe erhielt er acht Stucke Atlas zu Reisekleidern. 
Nachdem er selbst einige Geschenke verteilt hatte, verlieB er 
Peking an dem festgesetzten Tage. 

Noch einmal, im Jahre 1736, kehrte er mit der Karawane 
des Kommissars Firsof in die chinesische Hauptstadt zuruck. 
Das Tagebuch dieser Reise ist aber nicht yon ihm verfafit, son* 
dern von einem seiner Begleiter, der ihn immer seinen Herrn 
nennt. Der groBte Teil dieses Berichts enthalt die Darstellung 
der Reise. Der Verfaisser sagt selbst, die Erlebnisse der Kara- 
wane in Peking seien so unwichtig gewesen, daB er von 
einem ausfuhrlichen Bericht daruber Abstand genommen habe. 
Auch ihr werden wieder viele Hindemisse in den Weg gelegt 
und VerdrieBlichkeiten bereitet. Trotzdem wickelte sich der 
Handel innerhalb sechs Monaten selbst besser ab als bei der 
vorletzten Anwesenheit Langes. 

Ueberblicken wir die hier geschilderten 100 Jahre russisch- 
chinesischer Politik, so konnen wir uns zwar der Erkenntnis 
nicht verschlieBen, daB es den Russen nicht leicht gemacht 
wurde, in China festen FuB zu fassen und den Grundstein zur 
heutigen Vormachtstellung in Ostasien zu legen. Multa tulit fecit- 
que puer sudavit et alsit. Aber die Muhe war des Lohnes wert. 
Vor 50 Jahren nahm Murawiew Peters des GroBen Plane im 
Amurgebiet wieder auf. Seit dieser Zeit hat man sie mit einer 
Zahigkeit verfolgt, deren glanzende Erfolge erst die letzten 
Jahre gezeigt haben. Und wer weiB, was der kommende Tag 
bringen wird. Qui vivra, verra. 



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